In Nordhausen ist Hochprozentiges nicht nur Handwerk, sondern Geschichte. Seit über 500 Jahren prägt die Kornbrennerei das Bild der Stadt in Nordthüringen – mal gefeiert, mal verboten, oft umkämpft.
„Das ist kein richtiger Korn!“ – soll Otto von Bismarck ausgerufen haben, als man ihm 1874 eine Flasche angeblich echten Nordhäuser Korns servierte. Was er schmeckte, war für ihn kein ehrlicher Tropfen, sondern mit Wasser verdünnter Kartoffelspiritus – „das tauge nichts“.

Der Reichskanzler war empört.
Die Reaktion aus Nordhausen ließ nicht lange auf sich warten: Zwei Fässer feinster Kornbrand wurden dem Kanzler übersandt – samt überzeugendem Schreiben. Bismarck zeigte sich versöhnt und verfügte feierlich, das Fass möge fideikommissarisch, also als Erbstück, an seine Nachkommen weitergegeben werden – zur Bewahrung des „altberühmten Produkts Nordhausens“.
Diese Episode ist mehr als eine Anekdote: Sie steht für das Selbstbewusstsein einer Stadt, deren Brennereihandwerk seit über 500 Jahren Maßstäbe setzt.
Die ersten Tropfen: Frühzeit der Branntweinherstellung
Die erste urkundliche Erwähnung von Branntwein in Nordhausen stammt aus dem Jahr 1507 – eine städtische Steuerregelung nennt „bornewyn“, was auf eine bereits etablierte Herstellung hindeutet. Doch es sollte nicht bei einfachem Branntwein bleiben.

1545 verbot der Stadtrat das Brennen von Korn wegen Missernten – ein frühes Beispiel dafür, wie eng Alkoholproduktion und Versorgungssicherheit miteinander verknüpft waren. Erst 1570 wurde das Verbot wieder aufgehoben. Der Nordhäuser Korn war geboren.
Nach dem Dreißigjährigen Krieg erlebte die Stadt einen wirtschaftlichen Aufschwung – auch dank des Korns. Was einst das Getränk der einfachen Leute war, wurde zunehmend zum Genussmittel höherer Gesellschaftsschichten.
Die Qualität sprach sich herum: Nordhäuser Brenner wurden in ganz Deutschland abgeworben. Im 18. Jahrhundert folgte eine Phase der Professionalisierung. 1725 wurden Fässer normiert, später kamen regelmäßige Kontrollen durch städtische Branntweinvisierer hinzu.
1789 setzte Nordhausen sogar ein eigenes Reinheitsgebot durch – zwei Drittel Roggen, maximal ein Drittel Malz. Das Ziel: Qualität sichern und den einzigartigen Geschmack des Nordhäuser Korns bewahren.

Industrialisierung, Siegel und Spiritus
Im 19. Jahrhundert profitierte der Nordhäuser Korn von verbesserten Verkehrswegen – vor allem der Eisenbahn. Doch mit dem Erfolg kamen neue Herausforderungen: Günstiger Kartoffelspiritus verwässerte buchstäblich den Ruf des edlen Getreidebrands. Das führte auch zur eingangs erwähnten Episode mit Otto von Bismarck.
Um sich abzugrenzen, ließen die seriösen Nordhäuser Brenner ihre Fässer mit Siegeln versehen, auf denen das Stadtwappen prangte.

Das 20. Jahrhundert begann mit Zusammenschlüssen: 1904 gründeten die Brenner eine Interessenvertretung, 1907 wurde das 400-jährige Bestehen des Korns gefeiert. Zu diesem Zeitpunkt zählte die Interessenvertretung noch 66 Brennereien.
Doch zwei Weltkriege setzten der Branche zu. Ab 1915 wurde Getreide beschlagnahmt, Brennrechte staatlich kontrolliert, Apparate beschlagnahmt. Nur wenige Betriebe überlebten die Wirren der Zeit. Die beiden bekanntesten unter Reklamesammlern sind wohl Grimmstein (Bild oben) und Ur-Uhley.
Ur-Uhley: Emailschild in zwei Versionen
Die Brennerei Wilhelm Uhley setzte – wie Grimmstein – bei ihrer Werbung ebenfalls auf Emailschilder. Hier ein solches, auf dem ein Ratsherr für den Korn der 1799 von Ernst-Wilhelm Uhley gegründeten Brennerei wirbt.

Es gibt zwei Varianten: Die Ur-Version des Ur-Uhley mit “Echter alter Nordhäuser” über dem Namenslogo Wilh. Uhley (links). Als Grimmstein auf seinem etwas später erschienenen Emailschild mit dem Zusatz “Pa. echter alter Nordhäuser und garantiert reiner alter Korn” warb, ließ Uhley eine Neuauflage mit dem gleichen Zusatz (rechts) produzieren.
Nach 1945 begann der Wiederaufbau unter sozialistischer Verwaltung. Die Gründung des VEB Nordbrand Nordhausen 1950 markierte den Neustart der Branche. In der DDR-Zeit wurde Nordbrand zum größten Spirituosenproduzenten des Landes – mit einem Anteil von 15 % an der gesamten Produktion. 1986 erreichte die Branntweinproduktion mit 60 Millionen Litern ihren Höhepunkt.
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1994 entstand in der ehemaligen Traditionsbrennerei ein technisches Denkmal, ein Museum mit eigenem Brennrecht, ein Ort, an dem die Geschichte weiterlebt, und echter Nordhäuser Korn noch immer nach alten Rezepten destilliert wird. Allerdings in recht bescheidenen Mengen …
Nach der Wende wurde Nordbrand privatisiert. Der Betrieb kooperierte mit der Eckes AG, später übernahm Rotkäppchen-Mumm das Unternehmen. Die Produktion wurde modernisiert, die Marke in ganz Deutschland etabliert.
Infokasten: Nordhäuser Korn auf einen Blick
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1507 | Erste Erwähnung von Branntwein in Nordhausen |
| 1545 | Verbot der Kornbrennerei wegen Hungersnot |
| 1725 | Fassnormierung zur besseren Kontrolle |
| 1789 | Nordhäuser Reinheitsgebot eingeführt |
| 1874 | Bismarck kritisiert „falschen“ Nordhäuser – und wird beschenkt |
| 1904 | Gründung der Kornbrenner-Vereinigung |
| 1948 | Wiederaufnahme der Produktion nach dem Krieg |
| 1986 | Rekordproduktion: 60 Mio. Liter |
| 1991 | Übernahme durch Eckes, später Rotkäppchen-Mumm |
UR-UHLEY – Nordhausen, altes Emailschild, 1930er Jahre. Top-Zustand!
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Wer weiss, wieviele Stück die Posten damals umfassten? Gabs ja auch bei Otto oder Quelle als Posten zu 99 DM glaub ich…