NS-Fantasie-Emailschilder: Moderne Fälschungen, die Geschichte erfinden

Auf den ersten Blick wirken diese Emailschilder wie spektakuläre Neuentdeckungen aus der Zeit des Nationalsozialismus. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch: Es sind keine historischen Zeitdokumente, sondern moderne Produktionen.

Seit einigen Jahren tauchen auf Flohmärkten, Onlineplattformen und sogar in Auktionshäusern zunehmend Emailschilder auf, die angeblich aus der Zeit des Nationalsozialismus stammen. Viele dieser Stücke zeigen militärische Motive, Parteisymbole oder vermeintliche Reklame für Unternehmen und Organisationen der damaligen Zeit.

Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch: Diese Schilder sind keine historischen Zeitdokumente, sondern moderne Produktionen. Es handelt sich meistens um sogenannte Fantasie-Emailschilder, Objekte, die im Stil der 1930er- und 1940er-Jahre gestaltet sind, historisch jedoch nie existiert haben.

Keine konkreten historischen Vorbilder

Während klassische Reproduktionen meist bekannte historische Emailschilder kopieren, verfolgen Fantasie-Schilder ein anderes Konzept. Hier werden Motive entworfen, die lediglich den Stil der Zeit imitieren, ohne unbedingt ein konkretes historisches Vorbild zu haben.

Typische Themen solcher Schilder sind etwa:

  • militärische Motive
  • Waffen- und Rüstungsunternehmen
  • Parteiorganisationen
  • propagandistische Darstellungen
  • Kombinationen aus Marken und militärischen Symbolen.

Auf den ersten Blick wirken einige dieser Entwürfe überzeugend. Sie greifen die bekannte Bildsprache der Zeit auf und präsentieren sich mit künstlichen Alterungsspuren, Roststellen und scheinbar alter Patina.

Bei genauerer Recherche zeigt sich aber fast immer: Für diese Motive existieren keinerlei historische Belege: Es gab sie nie als Original-Emailschild.

Existierte nie als Original: Fanta-Schild mit Wehrmachtssoldat.

Interessant ist, dass die Motive solcher gefälschten Emailschilder meist aus unterschiedlichen Quellen stammen. Ein großer Teil der Schilder beruht auf reiner Fantasie.

Dazu gehören beispielsweise angebliche Reklameschilder für militärische Produkte, Organisationen oder Propagandamotive, für die es keinerlei historische Vorlagen gibt.

Andere Motive basieren lose auf zeitgenössischen Vorlagen, etwa auf Zeitungsanzeigen oder Illustrationen aus Bedienungsanleitungen. Diese wurden grafisch angepasst und in ein Emailschild-Design übertragen. Beispiele dafür finden sich etwa bei Motiven, die sich auf Waffenhersteller wie Mauser beziehen.

Weitere wiederum verbinden konkrete Produkte – z.B.: Fanta oder Dunlop – mit der Wehrmacht, resp. dem NS-Regime.

Eine Sonderrolle nimmt das sogenannte Hirschberg-Schild ein. Das Schild mit der Aufschrift „Dr. Oscar Israel Hirschberg“ ist, so das Ergebnis unserer Recherchen, das einzige Motiv dieser Serie, für das tatsächlich ein historisches Emailschild existierte.

Das Original befindet sich heute in der Sammlung des Jüdischen Museums Berlin. Es handelt sich um ein Praxisschild des Berliner Arztes Oscar Hirschberg und ist ein historisches Zeugnis der antisemitischen Diskriminierung jüdischer Ärzte während der Zeit des Nationalsozialismus.

Gefälschtes Hirschberg-Schild: Es taucht seit einigen Jahren sehr häufig auf Flohmärkten und im Internet auf. Das Original befindet sich im JMB: siehe hier!

Das Schild zeigt unter anderem einen gelben Davidstern – eine Kennzeichnung, die jüdische Ärzte im Zuge der nationalsozialistischen Verfolgung führen mussten.

Die heute auf Flohmärkten und Onlineplattformen angebotenen „Hirschberg-Schilder“ sind jedoch moderne Reproduktionen, die das historische Motiv lediglich imitieren und künstlich gealtert wurden. Sie tauchen auf Floh- und Trödelmärkten sowie im Internet häufig auf.

Moderne Produktion mit künstlicher Alterung

Technisch weisen viele dieser Schilder ähnliche Merkmale auf. Typische Kennzeichen sind:

  • künstlich erzeugte Rostspuren an allen vier Ecken mit Schlieren und Flecken auf der Oberfläche
  • identische Lochabstände und Blechstärken
  • zu gleichmäßig wirkende Alterungsspuren
  • grafische Details, die eher an moderne digitale Gestaltung als an historische Schablonier- oder Umdrucktechnik erinnern.
  • Nicht selten teilen verschiedene Motive sogar identische Produktionsmerkmale. Dies deutet darauf hin, dass viele dieser Schilder aus denselben modernen Produktionsserien stammen.

    Der Erfolg solcher Schilder erklärt sich durch mehrere Faktoren. Emailschilder sind dekorativ und wirken mit ihrer scheinbaren Patina authentisch. Gleichzeitig erzeugen Motive mit Bezug zur Zeit des Nationalsozialismus Aufmerksamkeit.


    Das “Panzerschokolade”-Fantasieschild (es gab nie die “Hermann-Göring-Schokoladenwerke”) existiert in einer weiteren Variante mit Namenszug einer real bestehenden Marke, die bereits vor etwa sechs Jahren auftauchte. Siehe dazu auch diese Pressemitteilung der Zotter-Manufaktur.

    Diese Kombination macht Fantasie-Emailschilder zu attraktiven Verkaufsobjekten – selbst dann, wenn sie historisch nicht belegbar sind. Problematisch wird es jedoch, wenn solche Stücke als originale Emailschilder aus der Zeit angeboten werden.

    Gerade weniger erfahrene Sammler können solche Motive schwer einordnen, da sie nicht direkt mit bekannten historischen Vorbildern verglichen werden können.

    Eine ganze Serie rezent in Auktionshaus aufgetaucht

    Dass solche Fantasie-Emailschilder inzwischen nicht nur auf Flohmärkten oder Onlineplattformen erscheinen, zeigte sich Ende 2025 und Anfang 2026. In Auktionen eines deutschen Auktionshauses aus Schwerin wurden mehrere Emailschilder, nahezu eine ganze Serie, mit entsprechenden Motiven angeboten.

    Die Schilder zeigten – unverpixelt und klar erkennbar – unter anderem militärische Darstellungen, Parteisymbole sowie vermeintliche Organisations- oder Werbeschilder aus der Zeit des Nationalsozialismus.

    Bei diesen Stücken handelt es sich jedoch nicht um historische Emailschilder. Vielmehr gehören sie zu der seit Jahren bekannten Serie moderner Fantasie-Emailschilder, die den Stil der Zeit imitieren, historisch aber nie existiert haben. Einige dieser Lose erzielten dennoch Zuschläge von bis zu rund 420 Euro zzgl. Provision.

    Breite Zielgruppe als Käufer im Visier

    Die Käufer solcher Stücke lassen sich nicht auf eine einzige Gruppe reduzieren. Neben Sammlern militärhistorischer Objekte finden sich häufig auch:

    • Sammler dekorativer Vintage-Objekte
    • Käufer, die militärische Motive als Dekoration nutzen
    • Einsteiger, die glauben ein historisches Zeitdokument zu erwerben.

    Gleichzeitig lässt sich nicht übersehen, dass Motive mit Symbolik aus der Zeit des Nationalsozialismus auch im rechtsextremen Milieu Interesse wecken können. Für politisch motivierte Käufer besitzen solche Darstellungen eine ideologische Bedeutung.

    Das eigentliche Problem entsteht jedoch oft an anderer Stelle: Ein Teil der Käufer geht schlicht davon aus, ein authentisches historisches Objekt zu erwerben und erkennt nicht, dass es sich um moderne Fantasieprodukte handelt.

    Ist der Verkauf solcher Fantasieschilder erlaubt?

    In Deutschland regelt vor allem § 86a des Strafgesetzbuches (StGB) den Umgang mit nationalsozialistischen Symbolen. Diese Vorschrift verbietet das öffentliche Verwenden und Verbreiten von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen, zu denen insbesondere Symbole des Nationalsozialismus gehören, etwa das Hakenkreuz, SS-Runen, NSDAP-Embleme oder entsprechende Parolen.

    Als „Verwenden“ gilt dabei praktisch jede Form der öffentlichen Sichtbarmachung. Dazu zählt nicht nur das Zeigen auf Fahnen oder Abzeichen, sondern auch das Abbilden solcher Symbole auf Gegenständen oder das Präsentieren entsprechender Fotos im Internet, etwa in Online-Auktionen oder Verkaufskatalogen.

    Solche Reproduktionen können grundsätzlich den Tatbestand des § 86a StGB erfüllen, wenn sie öffentlich angeboten oder verbreitet werden, auch wenn diese Frage in der Praxis offenbar nicht immer konsequent überprüft wird.

    Wenn solche Schilder lediglich als Dekorations- oder Sammlerartikel hergestellt und verkauft werden, ohne klaren historischen oder aufklärerischen Kontext, kann bereits das öffentliche Anbieten mit sichtbaren Symbolen – etwa in Online-Katalogen – den Tatbestand des § 86a StGB erfüllen.

    Gerade deshalb versuchen Händler häufig, entsprechende Symbole auf Fotos zu verdecken oder zu verpixeln, um eine strafbare öffentliche Darstellung zu vermeiden. Doch auch, wenn sie dies nicht tun, scheint das Auge des Gesetzes nicht so genau hinzublicken, wie die öffentlich zugänglichen Online-Kataloge belegen.

    Eindeutiger NS-Bezug: Auch diese “Trommler”-Zigarettenreklame gab es nie als historisches Emailschild

    Gerade deshalb gewinnt Aufklärung im Sammlermarkt an Bedeutung. Je mehr Informationen über moderne Fantasie-Emailschilder verfügbar sind, desto leichter lassen sich problematische Angebote erkennen.

    Denn letztlich gilt auch hier eine einfache Regel des Sammelns: Gut dokumentierte Objekte sind meist authentisch und Motive, die plötzlich ohne historische Spur auftauchen, verdienen besondere Aufmerksamkeit und bedürfen der nötigen Recherche.


    In eigener Sache: „Sozialadäquanzklausel“

    Nach § 86a StGB ist das öffentliche Verwenden von NS-Symbolen grundsätzlich verboten. Allerdings gilt die Ausnahme nach § 86 Abs. 3 StGB („Sozialadäquanzklausel“).

    Danach ist die Darstellung erlaubt, wenn sie einem der folgenden Zwecke dient:

    • Berichterstattung über Zeitgeschichte
    • Journalismus und Aufklärung
    • Wissenschaft oder Forschung
    • Lehre
    • Kunst

    Ein Artikel, der kritisch über Fantasie-NS-Schilder, Fälschungen und den Sammlermarkt berichtet, fällt unter Berichterstattung und Aufklärung. Deshalb dürfen in solchen Kontexten auch Hakenkreuze oder andere NS-Symbole gezeigt werden, solange klar ist, dass sie nicht propagandistisch verwendet werden, sondern Teil der journalistischen Darstellung sind.




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