Villa Beer in Wien: Ein Schlüsselwerk der Moderne

Fast ein Jahrhundert lang war die Villa Beer in Wien-Hietzing vor allem ein Begriff der Architekturgeschichte, bekannt aus Publikationen, aber kaum zugänglich. Seit dieser Woche ist eines der bedeutendsten Wohnhäuser der Wiener Moderne erstmals dauerhaft für Besucher geöffnet.

Die von Josef Frank und Oskar Wlach 1929/30 für Julius und Margarete Beer entworfene Villa ist nun als Ort für Architektur, Erinnerung und Kultur öffentlich erlebbar. Die Villa gilt als Schlüsselwerk der zweiten Wiener Moderne und markiert einen Höhepunkt im architektonischen Schaffen Josef Franks.

Bis heute außergewöhnlich modern

Anders als die streng funktionalistischen Entwürfe seiner Zeit entwickelte Frank hier ein offenes Raumkonzept: Räume gehen ineinander über, Blickachsen verschieben sich, unterschiedliche Höhen schaffen Bewegung und Leichtigkeit. Innen- und Außenraum treten in einen unmittelbaren Dialog. Gerade diese räumliche Freiheit macht das Haus bis heute außergewöhnlich modern.

Nach jahrelanger Restaurierung unter Leitung von Lothar Trierenberg, gemeinsam mit der Villa Beer Foundation, Architekt Christian Prasser und dem Bundesdenkmalamt, wurde die ursprüngliche Raumstruktur des Hauses wieder sichtbar gemacht. Spätere Einbauten wurden entfernt, Fensteröffnungen korrigiert und zentrale Raumfolgen freigelegt.

Gleichzeitig erhielt das Gebäude eine neue technische Infrastruktur: Geothermie, Wärmepumpen und Photovoltaik ermöglichen heute einen nachhaltigen Betrieb, ohne die historische Substanz wesentlich zu verändern.

Erhaltene Einbaumöbel konnten restauriert werden

Auch im Inneren wurde behutsam gearbeitet. Erhaltene Einbaumöbel, Kamine, Radiatoren und Details wie der originale Speiseaufzug konnten restauriert werden. Auffällig ist jedoch, dass viele Räume bewusst nicht vollständig möbliert wurden. Diese Leerräume sind Teil des Konzepts: Sie lassen Geschichte sichtbar werden und vermeiden eine museale Inszenierung.

Denn die Villa Beer erzählt auch von einer unterbrochenen Biografie. Julius und Margarete Beer gehörten zum liberalen jüdischen Bürgertum Wiens. Bereits wenige Jahre nach dem Einzug musste die Familie das Haus aus wirtschaftlichen Gründen teilweise vermieten.

In den 1930er-Jahren lebten hier unter anderem Richard Tauber, Jan Kiepura, Martha Eggerth und Marcel Prawy. Nach 1938 wurde die Familie auseinandergerissen: Tochter Elisabeth Beer wurde deportiert und 1941 in Maly Trostinez ermordet.

Eine Atmosphäre, die Nähe statt Distanz erzeugt

Auch die Lebenswege der Architekten spiegeln diese Brüche: Josef Frank emigrierte 1934 nach Schweden, Oskar Wlach 1938 in die USA. Damit wird die Villa zu einem gebauten Zeugnis jener Wiener Moderne, deren kulturelle Entwicklung durch Vertreibung und Exil abrupt beendet wurde.

Heute versteht sich das Haus als Ort für Führungen, Forschung und kulturelle Veranstaltungen. Unter der Leitung von Katharina Egghart entsteht ein Programm aus Architekturvermittlung, Gesprächen und Bildungsangeboten.

Besucher können die Villa im Rahmen von Rundgängen erleben oder an Wochenenden zeitweise frei besichtigen. Dabei bleibt bewusst der Charakter eines Wohnhauses erhalten, mit Bibliothek, Sitzgelegenheiten und einer Atmosphäre, die Nähe statt Distanz erzeugt.

Haus und Garten als gestalterische Einheit

Ein besonderer Aspekt ist die Nutzung des Dachgeschosses: Dort wurden drei Gästezimmer eingerichtet, ausgestattet mit Möbeln und Textilien nach Entwürfen Josef Franks, gefertigt von Svenskt Tenn. Gedacht sind sie vor allem für Forschungs- und Residence-Programme, stehen aber nach Verfügbarkeit auch Gästen offen. So lässt sich Franks Idee des Wohnens unmittelbar erfahren.

Auch der Garten wurde neu gestaltet. Das Büro Auböck + Kárász nahm den historischen Grundstückscharakter auf, Spiegelpaneele verweisen auf die frühere Größe des Areals. Damit bleibt sichtbar, dass Haus und Garten von Anfang an als gestalterische Einheit gedacht waren.

Mit der nun erfolgten Öffnung gewinnt Wien nicht nur ein bedeutendes Architekturdenkmal zurück, sondern einen Ort, an dem sich Moderne, Zeitgeschichte und Wohnkultur unmittelbar begegnen.

Infobox

Adresse:
Wenzgasse 12, 1130 Wien

Website:
www.villabeer.wien
welcome@villabeer.wien

Regulärer Betrieb:
seit 11. März 2026

Eintritt:
Vollpreis 18 Euro / ermäßigt 14 Euro
Öffentliche Führung 24 Euro

Vermietung:
events@villabeer.wien

Blick aus dem Garten auf die Villa (Foto: Julius Scherb, 1930)


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