P.A.C.-Plakat um 1930: Als selbst eine Bürste Drama durfte

Man sieht es – und bleibt stehen. Ein riesiger Männerkopf, dunkel, dramatisch, den Mund weit aufgerissen, als würde er gegen sein Schicksal protestieren. Daneben eine Bürste, übergroß, fast monumental. Und darunter der Satz: „… Soltanto me non pulisce!“ – „Nur mich reinigt es nicht!“

Ein Reklameplakat aus Italien, entstanden um 1930, steht im Mittelpunkt unserer heutigen Geschichte. Ein Blatt, das mit einem Augenzwinkern und erstaunlicher Wucht für ein Produkt wirbt, das auf den ersten Blick unspektakulär scheint: eine Staub aufnehmende Bürste. Die „Manifattura Prodotti P.A.C.“ in Intra, einem industriell geprägten Ort am Lago Maggiore hat sie hergestellt.

Mit Pathos inszeniert und zelebriert

Ein Patentvermerk – „Brevetti G. Valsassina“ – unterstreicht den Anspruch technischer Innovation. Man verkaufte hier nicht nur Sauberkeit, sondern Fortschritt. Das Reklameplakat im kleinen Format von 24 x 34 cm erzählt nicht nur von einem Haushaltsgegenstand, sondern von einer Zeit, die an den Fortschritt glaubte und ihn mit Pathos inszenierte und zelebrierte.

Am unteren linken Rand findet man den Hersteller des Plakates, Clamanza aus Genova in Italien.

Die Bürste heißt wohl offiziell „Spazzola-Assorbi Polvere“. Sie reinigt, sie absorbiert, sie konserviert, so verspricht es der Text. Möbel, Automobile, Treppenhäuser, ganze Lebenswelten sollen unter ihren Borsten aufleuchten. Und während rechts im Bild eine Haushälterin Möbel abstaubt, eine weitere die Treppen reinigt und ein Chauffeur ein Fahrzeug pflegt, scheint links der personifizierte Widerstand selbst aufzuschreien.

Der Humor ist offensichtlich: Alles wird sauber – nur dieser Mann nicht. Dieses Motiv lebt von Übertreibung. Es ist laut, theatralisch, beinahe grotesk. Doch genau das war die Sprache der Zeit. Werbung musste aus der Distanz wirken, auf Straßen, Plätzen, in Schaufenstern. Ein Plakat hatte Sekunden, um Aufmerksamkeit zu erzwingen. Und dieses hier tut es bis heute.

Unleserlich signiert, hergestellt in Genova

Rechts, über dem Kühler des Automobils, findet sich in roter Handschrift die Signatur „Ruolinani“ oder “Ruolinari”, oder … Auf jeden Fall kein Name, der in kunsthistorischen Standardwerken neben Cappiello oder Dudovich steht. Aber ein mit Talent gesegneter Grafiker.

Ruolinani oder Ruolinari? Wer mehr weiß, darf sich gerne melden, z.B. über die Kommentarfunktion ganz unten!

Einer jener vielen professionellen Illustratoren vermutlich, die das visuelle Gedächtnis einer Epoche prägten, ohne selbst zu Ikonen zu werden.

Dieses Plakat stammt nicht aus der Sphäre musealer Avantgarde, sondern aus der lebendigen Welt kommerzieller Gestaltung. Es war gemacht, um zu funktionieren. Und tut das noch immer.

Gedruckt wurde es in Genova in Italien, von einer Druckerei, einem Atelier, einer Werkstatt namens Clamanza, wie am unteren Rand zu lesen ist. Farblithografie war damals ein Qualitätsversprechen. Die klaren Kontraste, die Feinheit der Motive, das leuchtende Rot der Signatur – all das zeugt von handwerklicher Sorgfalt.


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In dem kleinen Plakat spiegeln sich die Ambitionen einer ganzen Epoche. Die Zwischenkriegszeit war geprägt von Modernisierung des Haushalts, wachsender Mobilität, einem neuen Selbstverständnis von Hygiene und Ordnung.

Automobile wurden alltäglicher, Treppenhäuser repräsentativer, Möbel zu Statussymbolen. Reinigung war kein lästiges Detail mehr, sondern Teil eines modernen Lebensgefühls.

Das Plakat kann heute irritieren

Und doch trägt das Plakat auch jene Ambivalenzen seiner Zeit. Was einst als plakative Überzeichnung gedacht war, lässt sich heute sensibler lesen. Heute kann das Plakat irritieren, weil die dunkel eingefärbte, stark karikierte Figur visuelle Nähe zu rassistischen Bildtraditionen des frühen 20. Jahrhunderts aufweist.

Es ist eine Darstellung, die in der heutigen, sensibleren Werbekultur als diskriminierend oder zumindest problematisch wahrgenommen würde und deshalb so nicht mehr verwendet werden könnte. Gerade darin zeigt sich, wie sehr sich unser Blick auf Bilder verändert hat. Historische Werbung ist immer auch ein Spiegel gesellschaftlicher Normen und ihrer Verschiebungen.

Der schreiende Mann, wirkt auf viele heute irritierend, weil die dunkel eingefärbte, stark karikierte Figur visuelle Nähe zu rassistischen Bildtraditionen des frühen 20. Jahrhunderts aufweist

Als Sammlerstück jedoch besitzt dieses Blatt eine besondere Qualität: Es erzählt eine Geschichte. Man spürt das Pathos, den Humor, die Zuversicht einer Epoche, die selbst einer Staubbürste dramatische Größe verleihen konnte.



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