Die Geschichte von Fernet-Branca ist die Geschichte einer Familie, die quasi aus Bitterkeit eine Weltmarke formte. Zwei Bernardinos und ein Stefano prägten das Unternehmen, das mit Innovationsgeist, Expansionspolitik und Reklame, Kunstgeschichte schrieb.
Mailand, Mitte des 19. Jahrhunderts: In einem schmalen Hinterzimmer, irgendwo zwischen Apotheke und Alchemistenküche, hantiert ein Mann mit Flaschen, Mörsern und Kräutern. Die Luft ist schwer vom Duft getrockneter Rinden, von Myrrhe, Safran und Enzian.

Bernardino Branca – ein Selfmade-Apotheker – sucht nach einem Tonikum gegen die Plagen seiner Zeit. Am Ende des Jahres 1845 steht eine Rezeptur, die den Nerv der Epoche trifft: Fernet-Branca ist geboren.
Es schmeckt herb, fast medizinisch, eine Herausforderung für den Gaumen. Doch genau das macht den neuen Trank faszinierend.
Bald bestellen immer mehr Mailänder Bürger eine Flasche des „magischen Bitters“ – zunächst als Heilmittel, dann als nach und nach zur Tradition werdendes Ritual, um ein gelungenes Mahl gebührend abzuschließen.
Stefano Branca ebnete den Weg zum globalen Erfolg
Zwischen 1862 und 1891 war der Sohn des Apothekers, Stefano, die treibende Kraft, der Denker in der zweiten Unternehmensgeneration. Er einigte die Familie und trug die Verantwortung allein, als seine Brüder, die ebenfalls im Unternehmen, das nun den Namen Fratelli Branca trug, arbeiteten, früh verstarben.
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Er erweiterte auch das Sortiment, führte Fernet-Branca auf internationale Ausstellungen in London, Paris und Wien etwa, und ebnete so den Weg zum globalen Markterfolg.
Nach seinem Tod übernahm seine Ehefrau Maria Scala die Leitung, bis Bernardino (1886–1957), sein Sohn, alt genug war, um die Geschäfte zu übernehmen.
Ein genialer Entwurf: Ein Adler auf der Weltkugel
Der Plakatkünstler Leopoldo Metlicovitz hatte 1905 das geniale Markenlogo entworfen: Ein Adler schwebt majestätisch über der Erdkugel, in seinen Krallen eine Flasche Fernet-Branca haltend. Die Botschaft ist klar: Dieses Getränk kennt keine Grenzen.

Von da an wird Fernet nicht nur getrunken, sondern auch gesehen. Auf großflächigen Plakaten im Jugendstil, in frühen Kinowerbungen. Der Bitter verwandelt sich in ein kulturelles Symbol – streng, elegant, weltgewandt.
Und Fernet Branca wird endgültig, nicht nur gustativ, sondern auch visuell unverwechselbar: Wer den Adler sieht, weiß sofort, was in der Flasche steckt.
Unter der Leitung des Enkels zieht die Moderne ein
Mailand, 1920er Jahre: Die Stadt rattert im Rhythmus der Trambahnen, Leuchtreklamen blinken an den Fassaden. In der Via Resegone entstehen neue Fabrikhallen: Bernardino Branca, der Enkel des Erfinders, hat das Zepter übernommen.
Er hatte eine Offiziersausbildung bei der italienischen Armee genossen und war nun, als Industrieller, entschlossen, die Firma konsequent und streng in eine neue Ära zu führen. Unter seiner Führung entwickelt sich die Firma Fratelli Branca Distillerie zu einem internationalen Unternehmen.

und lithographiert, um 1930, 75 x 116 cm. Dieses Schild
wurde am 10. Mai 2025 in Worms für 4.200€ versteigert.
(Bild: Wormser Reklame-Auktion)
1926 eröffnet er eine Fabrik im Elsass, bald darauf Niederlassungen in Stuttgart, Chiasso, New York und Buenos Aires. 1957 stirbt Bernardino Branca, der Modernisierer.
Sein Werk lebt fort. Heute dokumentiert das Museo Branca die Geschichte: Plakate, alte Flaschen, Werbefilme. Besucher treten ein und riechen förmlich die Bitterstoffe, die seit 1845 das Familienerbe prägen.
Leopoldo Metlicovitz: Der Künstler hinter dem Markenlogo

1868 in Triest geboren zog es Metlicovitz als Jugendlichen nach Udine, wo er in einer Druckerei als Lehrling begann. Hier, inmitten des Geruchs von Druckerschwärze und dem Klirren der Maschinen, entdeckte er die Kunst der Lithografie – ein Handwerk, das sein Leben verändern sollte.
Giulio Ricordi, der einflussreiche Inhaber des Mailänder Musikverlags Casa Ricordi, erkannte das Potenzial des jungen Leopoldo und holte ihn in die pulsierende Metropole Mailand.
In den Officine Graphiche Ricordi begann eine steile Karriere: Binnen zehn Jahren stieg er zum technischen Leiter auf, doch seine Leidenschaft lag woanders. Als Bühnen- und Kostümbildner schuf er Meisterwerke und knüpfte enge Freundschaften mit Komponisten wie Giuseppe Verdi und Giacomo Puccini.
Gleichzeitig machte er sich als Plakatkünstler einen Namen, arbeitete für renommierte italienische Firmen und lieferte gleichzeitig Illustrationen für Zeitschriften, die die Ästhetik seiner Zeit widerspiegelten. Nachdem er 1938 seine Zusammenarbeit mit Casa Ricordi beendete, widmete er sich ganz der Malerei.
In seiner Villa, umgeben von Farben und Leinwänden, schuf er bis zu seinem Tod im Jahr 1944 zahlreiche Kunstwerke, die seinen unermüdlichen Schaffensgeist widerspiegelten.
Zahlreiche renommierte Plakatkünstler arbeiteten für Branca
Nicht nur Leopoldo Metlicovitz hat im Laufe der Zeit für den italienischen Brennereibetrieb sein Talent unter Beweis gestellt.

ca. 130 x 90 cm groß. Der Entwurf erinnert an einen anderen Magenbitter, Anís del Mono, aus Spanien.
(Bild: Wannenes Art Auctions / Invaluable.com)
Leonetto Cappiello (1875-1942), Nino Nanni (1888-1969), Aldo Mazza (1880-1964), Jean d’Ylen (1886-1938)… und andere renommierte Künstler mehr haben Plakatmotive für Fernet Branca entworfen.
Ihre Vorlagen wurden nicht nur in diversen Formaten auf Papier gedruckt, sondern teilweise auch auf Blech- und Emailschildern verewigt. Auch auf anderen Werbeträgern, wie z.B. Zahltellern und Aschenbechern kamen kunstvolle Entwürfe mit Reklame für die Produkte der Fratelli Branca zum Einsatz.
Heute sind die alten, historischen Reklameobjekte der italienischen Brennerei weltweit gesucht. Sie erzielen bei Auktionen rund um den Erdball – über dem der Adler immer noch schwebt – teils sehr hohe Preise.

ca. 200 x 130 cm. Verkauft zum Preis von 2.400€
zzgl. Provision im Jahr 2023 in Worms.
(Bild: Wormser Reklame-Auktion)
Woher kommt der Name „Fernet“?
Die Herkunft des Namens ist bis heute geheimnisumwoben:
- Dr. Fernet – Laut Firmenlegende soll ein schwedischer Arzt diesen Kräuterbitter mitentwickelt haben. Historiker vermuten jedoch, dass es sich um eine geschickte Marketingfigur handelte.
- „Fer net“ – Andere Quellen deuten den Namen als Hinweis auf eine eiserne Pfanne („ferro netto“) oder Eisenplatte, wie sie im 19. Jahrhundert in Apotheken zur Sterilisation verwendet wurde.
Sicher ist nur: Mit dem Zusatz „Branca“ wurde der Bitter zur unverwechselbaren Familienmarke.