Manche Reklameschilder werben nicht nur für ein Produkt. Sie erzählen vom Alltag einer längst vergangenen Zeit. Dieser großformatige lithographierte Pappaufsteller für das Eierkonservierungsmittel „Garantol“ gehört zweifellos zu diesen seltenen Zeitzeugen.
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Schon auf den ersten Blick zieht das Schild die Aufmerksamkeit auf sich. Vor einem Regal voller Einmachgläser stehen ein großes Glas mit konservierten Eiern und die markante Garantol-Packung. Besonders auffällig ist die in Sütterlin ausgeführte Schlagzeile „Zur Vorratswirtschaft im kleinen gehören Eier“.
Während die Marke „Garantol“ in moderner Reklameschrift erscheint und die Produktinformationen in einer sachlichen Groteskschrift gesetzt sind, setzt der Grafiker bei der eigentlichen Werbebotschaft auf die damals vertraute Schulschrift Ludwig Sütterlins. Gerade dieser Kontrast macht den Reiz des Aufstellers aus und verleiht ihm heute einen besonderen dokumentarischen Wert.
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Darunter wirbt der Hersteller mit dem Versprechen: „Garantol konserviert Eier über ein Jahr“. Heute klingt das beinahe unglaublich. Doch noch vor wenigen Generationen war die langfristige Haltbarmachung von Eiern ein ernstes und wichtiges Thema.
Eier als wertvoller Vorrat
In einer Zeit ohne Kühlschränke war die Vorratshaltung ein zentraler Bestandteil der Haushaltsführung. Besonders Eier stellten ein Problem dar. Hühner legten vor allem im Frühjahr und Sommer reichlich Eier, während sie in den Wintermonaten deutlich weniger produzierten.
Gleichzeitig gehörten Eier zu den wichtigsten Nahrungsmitteln überhaupt. Sie wurden zum Kochen, Backen und für zahlreiche Speisen benötigt. Wer einen Überschuss hatte, suchte deshalb nach Möglichkeiten, diesen für die kalte Jahreszeit zu konservieren.

Bereits im 19. Jahrhundert entstanden verschiedene Verfahren zur Haltbarmachung. Besonders verbreitet war das Einlegen in sogenanntes Wasserglas, eine Lösung auf Basis von Natriumsilikat. Dabei wurden die Poren der Eierschale verschlossen, wodurch das Eindringen von Luft und Keimen erschwert wurde. Die Eier blieben oft viele Monate, mitunter sogar über ein Jahr verwendbar.
Die Erfolgsgeschichte von Garantol
Genau hier setzte Garantol an. Das Produkt wurde bereits Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt und entwickelte sich zu einem der bekanntesten Eierkonservierungsmittel im deutschsprachigen Raum. Historische Anzeigen, Reklamemarken und Fachveröffentlichungen belegen eine jahrzehntelange Marktpräsenz.
Der Hersteller war zunächst in Dresden ansässig. Später firmierte das Unternehmen als „Garantol-Gesellschaft Grube & Co.“ in Heidenau bei Dresden. Auf der Verpackung des hier gezeigten Aufstellers wird genau diese Firmenbezeichnung genannt.

Die aufgedruckten Auszeichnungen zeigen eindrucksvoll, welchen Stellenwert das Produkt einst besaß. Genannt werden Ehrungen aus:
- St. Petersburg 1907
- Odessa 1907
- Wien 1912
- Antwerpen 1923
- Frankfurt am Main 1937
Ob alle diese Auszeichnungen tatsächlich den Werbeaussagen entsprachen, lässt sich heute kaum noch überprüfen. Sie zeigen jedoch, wie sehr Garantol mit Tradition, Qualität und internationaler Anerkennung warb.
Werbung zwischen Moderne und Tradition
Besonders bemerkenswert ist die Gestaltung des Aufstellers. Die Marke „Garantol“ erscheint in einer modernen, weich gerundeten Werbeschrift.
Die Produktinformationen wurden in einer sachlichen Groteskschrift gesetzt, wie sie in der Werbung der 1920er- und 1930er-Jahre immer beliebter wurde. Die Werbeslogans dagegen sind in Sütterlin gehalten.

Es handelt sich allerdings nicht um die reine Schulausführung, sondern um eine werbegrafisch überarbeitete Variante mit deutlich dekorativerem Charakter. Gerade diese Mischung macht den besonderen Reiz des Schildes aus. Moderne Werbegrafik trifft hier auf traditionelle deutsche Schriftkultur.
Viele heutige Betrachter können die roten und gelben Schriftzüge nur noch mühsam entziffern. Für die Menschen der Entstehungszeit war diese Schrift hingegen selbstverständlich und alltäglich.
Wer sich näher mit diesem Thema beschäftigen möchte, findet auf sammler.net weitere Informationen im Beitrag „Ludwig Sütterlin – Seine Schrift, seine Grafik“.
Ein Spiegel seiner Zeit
Der Aufsteller dürfte in den späten 1930er- oder frühen 1940er-Jahren entstanden sein. Die Kombination aus der Umfirmierung zu „Grube & Co.“ und der jüngsten genannten Auszeichnung von 1937 spricht für eine Entstehung zwischen 1937 und 1941.
Aufschlussreich ist auch der verwendete Begriff „Vorratswirtschaft“. Der Hintergrund des Schildes zeigt eine perfekt gefüllte Vorratskammer mit zahlreichen Einmachgläsern. Dies entsprach genau dem damaligen Ideal eines gut geführten Haushalts.
Einwecken, Konservieren und das Anlegen von Vorräten galten als Tugenden. Besonders in wirtschaftlich und politisch unsicheren Zeiten versprach ein gut gefüllter Vorratskeller Sicherheit und Unabhängigkeit.
Lithographierte Pappaufsteller waren meist nur für den vorübergehenden Einsatz gedacht. Sie standen in Lebensmittelgeschäften, Kolonialwarenhandlungen, Drogerien oder landwirtschaftlichen Bezugsgenossenschaften und wurden nach Gebrauch häufig entsorgt.

Dass ein Exemplar wie dieses die Jahrzehnte überdauert hat, ist deshalb bemerkenswert. Heute erinnert der seltene Garantol-Aufsteller nicht nur an eine fast vergessene Marke, sondern auch an eine Zeit, in der selbst die Haltbarkeit eines Eis ein ernsthaftes Verkaufsargument war.
Heute lagern Eier im Kühlschrank oder werden industriell konserviert. Noch vor wenigen Generationen war das anders. Damals standen Einmachgläser mit eingelegten Eiern in Vorratskammern und Kellern.
