Vier Hüte für einen Kontinent: Französische Exportwerbung um 1930

Auf den ersten Blick wirbt dieses Reklameplakat lediglich für traditionelle Kopfbedeckungen. Tatsächlich erzählt er von internationalen Handelsbeziehungen und afrikanischen Absatzmärkten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.


Rund 35 x 25 Zentimeter groß ist dieses lithographierte Reklameplakat der Firma Cabrol & Baissette aus dem südfranzösischen Labruguière. Auf den ersten Blick handelt es sich lediglich um Werbung für traditionelle Kopfbedeckungen.

Bei näherer Betrachtung eröffnet das Stück jedoch einen faszinierenden Einblick in die Welt des französischen Exporthandels und die Absatzmärkte Afrikas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Das Kleinplakat wurde für den dauerhaften Einsatz in Geschäften gefertigt. Trotz leichter Stockflecken präsentiert sich das Stück noch immer als eindrucksvolles Zeugnis einer längst vergangenen Werbewelt.

Drei Sprachen für einen Kontinent

Bereits die Gestaltung verrät, dass sich die Werbung nicht an französische Kunden richtete. Der Text erscheint in Französisch, Englisch und Arabisch.

Damit sollte offenbar ein möglichst großer Teil des afrikanischen Marktes erreicht werden: die französischsprachigen Gebiete Nordafrikas, die arabischsprachigen Kunden des Maghreb sowie die englischsprachigen Regionen Westafrikas.

Die Firma bezeichnet sich selbstbewusst als Hersteller von „Fez, Chéchias und Lagos“ und hebt die Qualität ihrer Erzeugnisse hervor. Die mehrsprachige Ausführung zeigt, dass Cabrol & Baissette weit über Frankreich hinaus dachte und gezielt für den Export produzierte.

Vier Hüte auf einem Plakat

Besonders interessant ist die Darstellung der verschiedenen Kopfbedeckungen. Insgesamt werden vier Modelle gezeigt.

Fez

Oben links trägt ein Mann einen klassischen Fez: eine hohe, steife rote Filzkappe. Diese Form wurde im Osmanischen Reich und in Nordafrika über Jahrhunderte hinweg getragen und ist bis heute die bekannteste Variante.

Oben rechts erscheint eine traditionelle Chéchia. Sie ist weicher gearbeitet, liegt enger am Kopf an und besitzt keine ausgeprägte zylindrische Form. Die Chéchia gilt als typische Kopfbedeckung Tunesiens und wird dort noch heute hergestellt. Sie ist eng mit der europäischen Baskenmütze verwandt 

Die Frau im Zentrum präsentiert zwei weitere Modelle. In ihrer rechten Hand hält sie die sogenannte Lagos-Kappe, die sich deutlich von den übrigen Ausführungen unterscheidet. Sie besitzt eine flachere Form und ist mit auffälligen farbigen Mustern auf dunklem Filz verziert. Die Bezeichnung verweist vermutlich auf den westafrikanischen Markt rund um Lagos in Nigeria.

In ihrer linken Hand zeigt sie eine weitere Variante der Chéchia, deren Form zwischen klassischer Filzkappe und Fez angesiedelt ist. Diese hat eine längere Quaste (Kordel).

Die vier gezeigten Modelle machen deutlich, dass Cabrol & Baissette sich mit unterschiedlichen Ausführungen an verschiedene Regionen und Käufergruppen Afrikas richtete.

Art déco trifft Exporthandel

Gestalterisch besitzt der Aufsteller eine bemerkenswerte Qualität. Die Figuren sind fast fotorealistisch ausgeführt und werden von einem geometrischen Hintergrund eingerahmt, der deutlich den Einfluss des Art déco erkennen lässt. Kräftige Farben, klare Linien und eine moderne Typografie verleihen dem Entwurf eine zeitlose Wirkung.

Im unteren Bereich erscheint zudem ein Stern im Halbmond, der unweigerlich an Tunesien erinnert und vermutlich bewusst auf die Herkunftsregion der Chéchia anspielt.


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Die Grafik stammt von Jules Douy, dessen Signatur links unten zu finden ist. Über den Künstler haben sich heute nur wenige Informationen erhalten. Das Motiv zeigt jedoch, dass er mit den Stilmitteln moderner Werbegrafik seiner Zeit bestens vertraut war.

Die Firma Cabrol & Baissette hatte ihren Sitz in Labruguière bei Castres im Département Tarn. Die Region blickt auf eine lange Tradition der Woll- und Filzverarbeitung zurück.

Auf dem Aufsteller wird ausdrücklich auf die Herstellung von „coiffures en feutre tricoté“, also Kopfbedeckungen aus gestricktem Filz, hingewiesen. Das ist ein Verfahren, das insbesondere bei hochwertigen Chéchias Anwendung fand.

Grafikdesign, Modegeschichte und kolonialer Exporthandel

Gedruckt wurde das Blatt von B. Sirven, Imp. Edit. – Toulouse-Paris. Die Druckerei Sirven gehörte über Jahrzehnte zu den bedeutenden Druck- und Verlagshäusern Südfrankreichs und produzierte zahlreiche Plakate, Kataloge und Werbedrucksachen.


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Eine genaue Datierung des Aufstellers ist nicht möglich. Stilistische Merkmale sowie Material und technische Ausführung sprechen jedoch für eine Entstehung in der Zeit um 1930.

Das Plakat dokumentiert auf kleiner Fläche internationale Handelsbeziehungen, die Bedeutung afrikanischer Absatzmärkte für französische Hersteller und die Kunst der Werbegrafik in einer Zeit, als Unternehmen ihre Produkte noch mit aufwendig gestalteten Bildmotiven und mehrsprachigen Botschaften vermarkteten.

Gerade diese Verbindung von Grafikdesign, Modegeschichte und kolonialem Exporthandel macht den besonderen Reiz dieses Werbeträgers aus.

PS: Das Kleinplakat ist übrigens im Sammler.Net-Fundus zu haben: Kolonialzeit: Seltenes französisches Reklameplakat mit Kopfbedeckungen für Afrika Sammler.Net



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