Ein seltener Werbeaufsteller von Stempfle präsentiert die erstaunliche Produktpalette der Oberstdorfer Firma: Vom Kindermehl über Gemüsekekse bis hin zum Kalkkeks erzählt er ein Stück Ernährungs- und Reklamegeschichte der 1920er Jahre.
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Ein eindrucksvoller, gut 78 × 110 Zentimeter großer, dreiteiliger Reklame-Aufsteller führt den Betrachter direkt in eine Zeit zurück, als Kindernahrung noch als beinahe medizinisches Erzeugnis beworben wurde.
Im Mittelpunkt steht ein lachendes, sehr gesund wirkendes Kind das eine Dose „Stempfle Kindermehl“ umarmt. Flankiert wird es von einer ganzen Produktpalette des Oberstdorfer Herstellers.
„Knochen- und blutbildend“ & „antirachitisch“
Die Werbetexte sind überwiegend in Sütterlin-Schrift ausgeführt. Der Aufsteller dürfte um 1920 entstanden sein. Darauf deutet nicht nur die Gestaltung, sondern auch die abgebildete Produktpalette hin.

Beworben werden unter anderem:
- Kindermehl ohne Zusatz
- Kindermehl mit Malz und Kalk
- Kindermehl mit Gemüse
- Voll-Kindernahrung mit Malz, Kalk und Gemüse
- Gemüsekeks
- Kalkkeks
- Kinderzwieback mit Malz und Kalk
Schon die Produktnamen zeigen, worauf es ankam: Ernährung, Wachstum und die Bekämpfung von Mangelerscheinungen. Begriffe wie „knochen- und blutbildend“, „wachstumsfördernd“ oder „antirachitisch“ wirken aus heutiger Sicht fast wie Arzneimittelwerbung.

Tatsächlich galt Rachitis, eine durch Vitamin-D- und Kalziummangel verursachte Erkrankung, noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein als ernstes Problem. Die Hersteller versuchten deshalb, ihre Produkte mit Kalk, Malz und Gemüsezusätzen als besonders gesund und entwicklungsfördernd darzustellen.
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Ein Unternehmen aus Oberstdorf im Allgäu
Die Wurzeln des Unternehmens lagen im Allgäu. Auf Verpackungen und Werbemitteln erscheint die Bezeichnung „Bernhard Stempfle, Kinder-Nährmittel, Oberstdorf (bayr. Allgäu)“. Die Oberstdorfer Firma dürfte ihre Wurzeln bereits im späten 19. Jahrhundert gehabt haben. Darauf weisen mehrere auf den Verpackungen abgebildete Auszeichnungen aus den 1880er Jahren hin.
Bernhard Stempfle spezialisierte sich auf Säuglings- und Kleinkindernahrung und bot eine erstaunlich breite Palette an Produkten an. Neben den klassischen Kindermehlen entstanden auch Zwieback, Kekse und Mischpräparate mit Gemüse- oder Malzzusätzen.

Offenbar wollte man die Ernährung von Kindern möglichst umfassend abdecken – von der ersten Breimahlzeit bis zum Keks für zwischendurch.
Das Konzept des Kindermehls war keineswegs neu. Bereits 1867 entwickelte Henri Nestlé sein berühmtes „Kindermehl“ als Nahrung für Säuglinge, die nicht gestillt werden konnten. Diese Erfindung wurde europaweit zum Vorbild zahlreicher Hersteller.
Auch Stempfle griff dieses erfolgreiche Konzept auf und entwickelte eigene Varianten. Die auf dem Aufsteller gezeigten Dosen tragen sogar den Hinweis auf Kinderärzte und Ernährungsexperten jener Zeit.
Kekse aus Getreide, Malz, Gemüse & Kalk
Besonders auffällig ist die Kombination von Getreide, Malz, Kalk und Gemüse – eine Mischung, die nach damaligem Wissensstand als ideal für Wachstum und Gesundheit galt.

Aus heutiger Sicht sorgt vor allem der „Gemüsekeks“ für Schmunzeln. Die blau gestaltete Packung mit Karotten und Rüben erinnert eher an Reformkost als an eine Nascherei. Doch genau das war beabsichtigt.
Kinder sollten gesunde Nährstoffe möglichst unkompliziert aufnehmen können. Auch der „Kalkkeks“ wurde ausdrücklich mit seinem hohen Gehalt an Malzextrakt und Kalk beworben.
Erhaltene Werbeträger der Firma Stempfle sind heute recht selten anzutreffen. Während einzelne Dosen und Verpackungen gelegentlich in Sammlungen oder Museen auftauchen, sind solch großformatige Verkaufsaufsteller kaum bekannt. Gerade deshalb ist dieses Exemplar so bemerkenswert.
Ein außergewöhnliches, museales Zeitdokument
Das freundliche Kindergesicht in der Mitte, die kräftigen Farben, die ungewöhnlichen Produktabbildungen und die dekorative Sütterlin-Schrift machen den Aufsteller zu einem außergewöhnlichen Zeitdokument.
Er erinnert an eine Zeit, in der Kindermehl, Kalkkeks und Gemüsenahrung als moderne Errungenschaften galten und Werbung noch verstärkt mit pädagogischem und gesundheitlichem Anspruch auftrat.
Für Sammler historischer Reklame ist der museale Aufsteller damit weit mehr als nur ein Werbemittel: Er ist ein seltenes Stück Alltags- und Ernährungsgeschichte aus dem Allgäu.



