Wer durch Einkaufsstraßen schlendert, kennt die Szene zu genüge: Ein Kleid, makellos drapiert, getragen von einer stummen Gestalt, der Schaufensterpuppe. Doch dieser stumme Blickfang birgt eine erstaunlich lebendige Geschichte … und einige überraschende Ursprünge!
Die Wurzeln der Schaufensterpuppe reichen viel weiter zurück als oft angenommen. Bereits im 15. Jahrhundert nutzten Hutmacher sogenannte “milliners’ mannequins”, Miniaturmodelle, um Mode zu präsentieren – eine frühe Form des visuellen Marketings.

(Bild: Invaluable.com)
Im 18. Jahrhundert entstanden die ersten lebensgroßen Ausführungen: robuste Figuren aus Korbgeflecht (“wickerwork mannequins”), die in Modeateliers eingesetzt wurden.
Und ab etwa 1835 begann man in Paris, Drahtgeflecht-Mannequins herzustellen, sogenannte “wirework mannequins”, ein Meilenstein in der Entwicklung leichter und formbarer Schaufensterfiguren.
Alexis Lavigne und die Wachs-Ära
Der französische Schneider Alexis Lavigne, Gründer der berühmten Modeschule Esmod, entwickelte 1847 den bis heute bekannten Typ, sogenannte “Bust-Form-Mannequins” – eine Innovation, die den Weg ebnete für realistischeres Anproben und die spätere industrielle Fertigung.

Lavigne und sein Schüler, Fred Stockman, gestalteten wenig später lebensnahe Figuren mit realistischen Gliedmaßen und Köpfen aus … Wachs. Diese waren besonders populär in den Pariser Kaufhäusern der 1850er Jahre.
Im frühen 20. Jahrhundert entstanden extrem detailreiche Wachsfiguren, etwa von Pierre Imans, mit Glasaugen und Echthaar, die zu einem Symbol für Luxus und Modedesign wurden.
Wachs hatte jedoch einen entscheidenden Nachteil: Es war empfindlich gegenüber Hitze und Licht. So kam es vor, dass Schaufensterfiguren an heißen Sommertagen buchstäblich „dahinschmolzen“: Ein Alptraum für jeden Dekorateur!

In den 1920er Jahren bot die Materialrevolution eine Alternative zu dem schmelzanfälligen Material: “Carnasine”, ein widerstandsfähiger Gipsverbund, machte die Figuren langlebiger und leichter und erwies sich als ideal für Massenproduktion.
Eine Sensation namens Cynthia
1932 erschuf der amerikanische Bildhauer und Visual-Merchandising-Pionier Lester Gaba eine außergewöhnlich lebensnahe Schaufensterpuppe namens Cynthia für Saks Fifth Avenue. Diese Puppe war aus Gips, wog rund 45 kg und zeichnete sich durch bis dahin nie gekannte menschliche Merkmale aus.

(Bild: Life Magazine/Alfred Eisenstaedt)
1937 machte das Life-Magazin Cynthia mit einer mehrseitigen Reportage zur Sensation: Sie wurde zu einer “Person”, die Schmuck, Kleidung und sogar eine Kreditkarte von Saks erhielt. Sie besuchte Oper, Restaurants, flirtete mit dem Jet-Set – und Lester Gaba erklärte scherzhaft, dass sie stumm sei, wegen „chronischer Laryngitis“.
Der Hype um Cynthia revolutionierte das Mode-Marketing – aus stummen Posen wurden narrative Inszenierungen, Puppen mit Charakter. 1942 zerbrach Cynthia bei einem “Unfall” im Schönheitssalon in Stücke.

Pop, Plastik und Provokation
Nach dem Krieg setzte sich der Kunststoff durch – glasfaserverstärktes Plastik machte Puppen formstabil, leicht und massenfertig. In den 1960er Jahren wurden Schaufensterfiguren zu experimentellen Kunstobjekten: Pop-artige Farben, ungewöhnliche Posen, teils androgyne Erscheinung – mit Pionieren wie Adel Rootstein, die Puppen im Stil von Twiggy oder Grace Jones anfertigten.
Parallel nutzten Künstler wie Hans Bellmer den Körper der Puppe als provokative Metapher, um Konsum, Sexualität und Körpernormen zu hinterfragen.
Seit den 2000er Jahren erlebt die Schaufensterpuppe ein digitales Upgrade: 3D-Druck ermöglicht maßgeschneiderte, realistische Figuren. Das passt zur gesellschaftlich gestiegenen Forderung nach Realismus statt Idealisierung: Marken setzen zunehmend auf Diversität – in Größe, Alter, Ethnie – ein Wandel hin zu Repräsentation und Inklusion.
Fery-Boudrot-Puppen bei “Bares für Rares”
Längst haben auch die Sammler die Attraktivität von Vintage-Schaufensterpuppen entdeckt. Manche sammeln diese allein wegen ihrer eigenen dekorativen Wirkung, andere nutzen sie als Ausstattung für die Oldtimer-Werkstatt, etwa in einem Tankwart-Kostüm, oder im nachgebauten Tante-Emma-Laden – bei Reklamesammlern – um mehr “Leben” in ihre persönliche Ausstellung zu bringen.

Am Mittwoch, den 13. August wurde ein Paar antiker Puppen bei “Bares für Rares” verkauft. Es handelte sich dabei um zwei Knaben unterschiedlicher Größe. Hergestellt wurden sie bei Fery-Boudrot. Diese Manufaktur zählte zu den angesehenen Pariser Herstellern von Schaufenster- und Schneiderpuppen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Das Angebot reicht von Kinderfiguren im Art-déco-Stil bis hin zu eleganten Ganzkörperpuppen aus den 1930er und 40er Jahren. Diese Erzeugnisse sind heute gesuchte Sammlerstücke – sowohl aufgrund ihrer historischen Herkunft als auch ihrer charakteristischen Ästhetik.

Experte Sven Deutschmanek bewertete die Figuren, die sich in einem noch recht guten Zustand befanden – obwohl ihnen irgendwann eine neue Haartracht verpasst wurde – mit 400 bis 600€. Im Händlerraum schlug schließlich Ferdinand Resul Adanir zu und erwarb das Pärchen für 450€.
Der Sammlermarkt für Schaufensterpuppen ist lebendig und vielschichtig – angetrieben von Schönheit, Geschichte und Begeisterung. Wer eine Vintage-Figur besitzt, hält ein Stück visueller Kulturgeschichte in Händen – mit Wert weit über dem materiellen.
