Ein schweres Emailschild aus Ahlen führt zurück in die Blütezeit der westfälischen Emailindustrie. Die Firma J. & H. Kerkmann, später Westfälische Stanz- und Emaillierwerke A.G., stand um 1900 für Qualität, Innovation und industriellen Unternehmergeist.
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Es beginnt mit einem Moment, den jeder Sammler kennt: Man hebt ein Stück an – und weiß sofort, dass man es mit Substanz zu tun hat. Umso schöner, wenn es sich um ein Emailschild handelt, das für Emailprodukte wirbt.
59 × 39 Zentimeter misst dieses Emailschild. Tief abgekantet, massiv, sehr schwer. Die Emaille liegt satt auf dem Stahl, Buchstaben und Zeichnung fett erhaben. Es ist ein Objekt, das auf Dauer angelegt war. Und genau darin liegt der Schlüssel zu seiner Geschichte.
Im Zentrum breitet ein Adler seine Schwingen aus. Darüber: „Qualitäts-Emaille“. Darunter: „Verkaufsstelle hier“. Und dazwischen ein Name, der heute nur noch wenigen geläufig ist, um 1900 jedoch überregional für industrielle Solidität stand: die Westfälische Stanz- und Emaillierwerke A.G., hervorgegangen aus der 1863 gegründeten Firma J. & H. Kerkmann in Ahlen.
Vom Handwerksbetrieb zur Aktiengesellschaft
Als Johannes und Heinrich Kerkmann 1863 ihren Betrieb ins Leben riefen, befand sich Deutschland im Aufbruch. Eisenbahnen erschlossen Regionen, neue Märkte entstanden, die Industrialisierung beschleunigte sich spürbar. Was zunächst als handwerklich geprägter Betrieb begann, wuchs im Rhythmus dieser Entwicklung.

Emaille war damals das Material der Moderne. Die glasartige Beschichtung schützte Metall vor Korrosion, war hygienisch, hitzebeständig und vergleichsweise pflegeleicht.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wandelte sich das Unternehmen zur Aktiengesellschaft. Die neue Firmierung als Westfälische Stanz- und Emaillierwerke A.G. war Ausdruck von Expansion und Professionalisierung.
Maschinenparks wurden erweitert, Produktionsprozesse standardisiert, der Vertrieb systematisiert. Ahlen entwickelte sich zu einem bedeutenden Standort der Emailleindustrie.
Blütezeit: Über 220 Mitarbeiter um 1900
Um die Jahrhundertwende erreichten die Werke ihre Hochphase, zählten über 220 Mitarbeiter. Neben klassischem Koch- und Haushaltsgeschirr entstanden spezialisierte Produktlinien wie die viel beworbene „Felsen-Emaille“.

Der Name war kein Zufall: Man kommunizierte Widerstandskraft und Dauerhaftigkeit – Eigenschaften, die sowohl im privaten Haushalt als auch im gewerblichen Umfeld geschätzt wurden.
Patentanmeldungen belegen zudem, dass man nicht nur produzierte, sondern entwickelte. Stanztechnik und Emailleverfahren verlangten technisches Know-how und Innovationsgeist. Das Unternehmen war Teil jener mittelständischen Industrie, die Handwerk, Technik und Organisation miteinander verband.
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Die Firma ließ, wie aus Musterbüchern hervorgeht, mehrere Schutzrechte eintragen. So z.B. für „Futtergeschirr für Bienen“ Patentdatum: 23. September 1900.
Dieses Patent ist durch Original-Patentschriften belegt, die im Antiquariatshandel auftauchen. Das belegt: Die Firma war technisch innovativ und produzierte nicht nur Haushaltsgeschirr.
Gleichzeitig verstand man, wie wichtig Markenpräsenz war. Verkaufsstellenschilder, wie das aus unserer heutigen Geschichte, machten die Zugehörigkeit sichtbar. Wer dieses Schild an der Fassade trug, gehörte zu einem bekannten, industriellen Netzwerk.
Das Schild als Ausdruck einer Epoche

Vor diesem Hintergrund erhält das vorliegende Schild seine eigentliche Bedeutung. Es ist nicht bloß ein Hinweis auf eine Verkaufsstelle, es ist eine verdichtete Botschaft.
Die tiefe, abgerundete Abkantung verleiht ihm konstruktive Stabilität und eine fast architektonische Wirkung. In Verbindung mit dem massiven Träger und dem kräftigen Emailauftrag entsteht ein Objekt, das auf Jahrzehnte ausgelegt war. Diese Machart ist typisch für die Zeit.

Der Adler wirkt weniger dekorativ als programmatisch. Er steht für Stärke, Verlässlichkeit und industrielle Selbstgewissheit. Die klare Typografie kündet vom Übergang zur sachlicheren Gestaltung des frühen 20. Jahrhunderts.
Der Adler hält links ein Zepter, rechts einen Anker: Unsere Emaille ist dauerhaft und unsere Marke führend soll wohl die Botschaft lauten, die da noch stark wilhelminisch und leicht jugendstilhaft ornamental mitschwingt.
Besonders interessant ist die Formulierung „vormals J. & H. Kerkmann“. Sie verankert das Schild in der Phase nach der Umfirmierung – Tradition und Fortschritt stehen hier nebeneinander. Alles spricht für eine Entstehung zwischen etwa 1910 und 1925.

Einschnitt und Wandel
Der Erste Weltkrieg setzte der ungebrochenen Expansion ein Ende. Rohstoffmangel, wirtschaftliche Umbrüche und veränderte Marktbedingungen wirkten sich auch in Ahlen aus.
Zwar sind noch Musterbuchausgaben aus den 1920er Jahren belegt, doch die schwere, substanzbetonte Vorkriegsproduktion verlor an Dominanz. In den 1930er Jahren geriet die klassische Emailleindustrie zunehmend unter Druck.
Was blieb, sind die Zeugnisse dieser Epoche. Emailschilder wie dieses tragen nicht nur Farbe und Schrift, sondern auch das Selbstverständnis einer Industriezeit, in der Dauerhaftigkeit ein Qualitätsmerkmal war – und sichtbar sein musste.
An die Familie Kerkmann erinnert bis heute ein Mausoleum auf dem Friedhof der Stadt.
Zeittafel
1863 – Gründung von J. & H. Kerkmann in Ahlen
Ende 1890er Jahre – Umwandlung zur Westfälischen Stanz- und Emaillierwerke A.G.
Um 1900 – Ausbau der Produktion, Patentanmeldungen, Einführung spezialisierter Produktlinien
1900–1914 – Blütezeit der Emailproduktion in Ahlen
1919 / 1928 – belegte Musterbuchausgaben
1930er Jahre – struktureller Rückgang der klassischen, lokalen Emailindustrie
WEBTIPP
Stadt Ahlen: Emaillegeschichte
Deutsche Digitale Bibliothek — Eintrag: Musterbuch, Ausgabe 1919 (Signaturhinweise / Archivverweise).
Stadt Ahlen – Bibliographie / Stadtgeschichte (Auflistung Musterbuch 1928, Firmendaten).
museum-digital / Museum Europäischer Kulturen — Muster- & Preisbuch über Felsen-Emaille (Objekt-Metadaten).
Antiquariats/Auktions-Listings (oldthing / abebooks) — Angebot für Original-Patentschrift „Futtergeschirr für Bienen“, patentiert 23.09.1900.
Patentblatt / historische Patentsammlungen (Auszüge in Archive/Archive.org): zusätzliche Nennungen / Verweise auf „Futtergeschirr für Bienen“.




