Eisenberger Photoplatten: Ein seltenes Emailschild & eine erfundene Geschichte

Bei eBay ist derzeit ein besonderer Leckerbissen für Freunde historischer Schilder aus dem Bereich Fotografie im Angebot. Es handelt sich dabei um Emailschild mit Reklame für Photoplatten aus der Manufaktur Otto Kirschten aus Eisenberg.

Seit Jahren versucht Sammler.Net geschichtliche Hintergründe zu alten Reklameobjekten und den beworbenen Marken zu vermitteln. Bei der Recherche zur Eisenberger Trockenplattenfabrik Otto Kirschten und einem derzeit online angebotenen, seltenen Emailschild, sind wir bei einem deutschsprachigen Schilderblog auf einen Beitrag vom 7. September 2026 gestoßen.

Darin wird die Gründung der Firma im Jahr 1896 als kleine, fantasievoll ausgemalte, historische Geschichte erzählt. Eine nette Geschichte. Nur leider stellt sich die Frage: Was davon ist eigentlich wahr und was nicht?

Dass Carl Kirschten die Eisenberger Trockenplattenfabrik 1896 unter dem Namen seines Vaters Otto Kirschten gründete, ist belegt. Das Deutsche Kameramuseum nennt genau dieses Gründungsjahr und Carl Kirschten als Gründer. Auch spätere Quellen führen die Firma und Carl bzw. Karl Kirschten als Inhaber.

Hübsche Anekdote ohne Quellenangabe

In dem erwähnten Schilderblog liest sich die Gründung wie folgt: Da sitzt Carl Kirschten im Frühjahr 1896 in seiner Werkstatt, draußen flackert das Gaslicht, vor ihm liegen französische und englische Fotoplatten. Sein Vater Otto ist gerade verstorben. Seine Frau Marie bringt Kaffee. Ein Werkmeister namens Johannes ist ebenfalls dabei.


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Dann wird es besonders interessant. In der neu eingerichteten Gießhalle diskutieren Carl und Johannes über den Namen der neuen Platten. Und Carl kommt angeblich auf die Idee: „O.K.-Platten.“ O.K. für Otto Kirschten und gleichzeitig das englische „OK“. Eine hübsche Anekdote. Nur: Woher stammt sie?

Für diese Szene wird in besagtem Beitrag keine historische Quelle genannt. Auch die Gespräche zwischen Carl, Johannes und Marie sind durch keine historische Quelle belegt. Gleiches gilt für das angeblich genaue Datum 1. Mai 1896, an dem die erste Produktion begonnen haben soll.

Die Firma und das Gründungsjahr sind historische Fakten. Die Gespräche in der Werkstatt, die Kaffeetasse von Marie und der spontane Geistesblitz mit dem Namen „O.K.“ sind es nicht. Zumindest gibt es dafür bislang keinen Nachweis. Das ist ein entscheidender Unterschied.

Erfundene Geschichten sind problematisch

Auch die Bezeichnung O.K.-Platten selbst ist historisch belegt. Daraus lässt sich aber nicht automatisch ableiten, dass Carl Kirschten sie 1896 bei einem Gespräch mit seinem Werkmeister als Wortspiel aus „Otto Kirschten“ und „OK“ erfunden hat. Das ist eine mögliche Erklärung. Mehr aber auch nicht.

Und genau hier wird es bei solchen Geschichten problematisch. Denn wenn eine erfundene Szene mit echten Namen, echten Firmen und echten Jahreszahlen erzählt wird, wirkt sie schnell wie eine historische Überlieferung.


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Beim ersten Lesen denkt man nicht unbedingt: Das ist jetzt eine erfundene Geschichte. Man denkt eher: Aha, so war das also. Spätestens wenn solche Texte dann später von anderen Seiten übernommen, bzw. zitiert werden, ist aus einer netten Erzählung plötzlich eine vermeintliche Tatsache geworden.

Dabei wäre die tatsächliche Geschichte der Eisenberger Trockenplattenfabrik interessant genug. Es gibt Adressbücher, zeitgenössische Anzeigen und Fachliteratur, mit denen sich die Entwicklung des Unternehmens nachvollziehen lässt. Eine Anzeige von 1927 warb beispielsweise unter dem Titel „Welcher Genuß Photographieren sein kann“ für Produkte der Firma.

Das ist echte Geschichte. Und die ist für Sammler ohnehin viel spannender als eine erfundene Unterhaltung bei einer Tasse Kaffee.

Eine Mischung aus Klischees und Fantasie

Deshalb würden wir gerne wissen: Gibt es tatsächlich eine historische Quelle für die im erwähnten Schilderblog geschilderte Gründungsszene? Für Carl Kirschten, Marie, den Werkmeister Johannes, den 1. Mai 1896 und vor allem für die Geschichte, dass „O.K.“ als Wortspiel mit Otto Kirschten entstanden ist?

Falls ja: Bitte her damit. Bis dahin sollte man diese Geschichte besser als das behandeln, was sie offenbar ist: eine auf reichlich Klischees aufgebaute, hübsch ausgeschmückte, aber bislang nicht belegte Erzählung über die Gründung der Eisenberger Trockenplattenfabrik. Und als solche sollte sie auf einer seriösen Seite auch gekennzeichnet sein.


Belegbare Daten und Fakten

Eisenberger Trockenplattenfabrik Otto Kirschten

Gründung: 1896 in Eisenberg (Thüringen)
Gründer: Carl Kirschten, unter dem Namen seines Vaters Otto Kirschten
Unternehmen: Eisenberger Trockenplattenfabrik Otto Kirschten
Produkte: Fotografische Trockenplatten, später auch Filme und technische Fotopapiere
Bekannte Marken/Produkte: Eisenberger, O.K.-Platten, Flavachrom, Flavirid
1936: Übertragung der Eisenberger AG auf die Familie Kirschten als alleinigen Gesellschafter
1945: Verstaatlichung zum VEB Eisenberger Film- und Trockenplattenfabrik
ab 1957: VEB Eisenberger Foto- und Spezialpapierwerke
Anfang der 1960er Jahre: Auflösung des Betriebs

Die Eisenberger Trockenplattenfabrik entwickelte sich von einem Hersteller fotografischer Glasplatten zu einem bedeutenden Anbieter von Fotomaterialien. Bereits 1936 wurden mehr als zwölf verschiedene Plattensorten und vier Filmsorten hergestellt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Betrieb zunächst wieder aufgebaut, stellte ab 1954 jedoch nur noch technische lichtempfindliche Papiere her. Anfang der 1960er Jahre endete die Geschichte des Eisenberger Fotowerks.

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