Jever Pilsener: Seltenes Glasschild mit fürstlicher Geschichte

Was haben Bismarck mit Kiebitzen und diese Vögel mit einem norddeutschen Bier zu tun? Antworten auf diese Fragen gibt’s im folgenden Beitrag rund um ein seltenes Reklameschild aus Glas, das für das Pilsener von Jever wirbt.

Willi Wiegel aus Neustadt am Rübenberge (r.) neben dem imposanten Glasschild, das er mit nach Pulheim gebracht hatte. 35 Jahre lang zierte es eine Wand im Haus des 76-jährigen Bundeswehrsoldaten i. R.
Willi Wiegel aus Neustadt am Rübenberge (r.) neben dem imposanten Glasschild, das er mit nach Pulheim gebracht hatte. 35 Jahre lang zierte es eine Wand im Haus des 76-jährigen Bundeswehrsoldaten i. R. (Screenshots: ZDF)

Die Geschichte der Jever-Brauerei reicht bis 1848 zurück. 1934 entwickelte Braumeister Ernst Böhme die Rezeptur, die den charakteristisch friesisch-herben Geschmack begründete. Seit 1937 ist Jever Pilsener unter seinem bis heute gültigen Namen auf dem Markt.

Der Name Jever und die markante Werbung mit dem Kiebitzpokal sind dabei untrennbar mit der Geschichte der Stadt verbunden.

Die Geschichte des ungewöhnlichen Motivs auf dem sehr seltenen Jever-Werbeschild, das am Mittwoch, den 23. September 2026 einen Auftritt bei „Bares für Rares“ im ZDF hatte, führt zurück zu Fürst Otto von Bismarck und zu einer Gruppe besonders treuer Verehrer in Jever.

101 Kiebitzeier zum Geburtstag des Reichskanzlers

1871, im Jahr der Reichsgründung, gründeten Jeveraner Bürger den Stammtisch „Die Getreuen zu Jever“. Ihre besondere Verehrung für den Reichskanzler zeigte sich in einer ziemlich eigenwilligen Geburtstagstradition.


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Rund um Jever waren Kiebitze in den feuchten Wiesen und Marschen einst häufig anzutreffen, und ihre Eier galten als besondere Delikatesse. Die „Getreuen“ wussten zudem von Bismarcks Vorliebe für die kleinen Eier und so schickten sie ihm ab 1871 jedes Jahr zum Geburtstag 101 Stück.

Die Zahl war dabei durchaus symbolisch gemeint: 101 Schüsse entsprachen einem Kaisersalut. Eine ungewöhnliche Tradition, über die sich der Reichskanzler offenbar durchaus zu freuen wusste.

1883 ließ er den Jeveranern einen silbernen, eiförmigen Pokal zukommen, dessen Deckel einen Kiebitzkopf trägt. Der sogenannte Kiebitzpokal wurde fortan zum Symbol der „Getreuen zu Jever“.

Und was haben die Eier mit Jever Pilsener zu tun?

Der Pokal wurde beim Stammtisch der „Getreuen“ zum Mittelpunkt geselliger Runden. Damit kam auch das Bier ins Spiel. Das Motiv des Kiebitzpokals fand schließlich seinen Weg auf Bierkrüge und später auf Werbemittel der Jever-Brauerei.

So erklärt sich auch die ungewöhnliche Gestaltung des hier vorgestellten Jever-Pilsener-Glasschildes: Der Kiebitzpokal ist nicht bloß ein dekoratives historisches Motiv. Er erinnert an eine kuriose Geschichte, die Bismarck, Jever, 101 Kiebitzeier und schließlich das Jever Bier miteinander verbindet.

Der Kiebitzpokal ist nicht bloß ein dekoratives historisches Motiv. Er erinnert an eine kuriose Geschichte aus dem 19. Jahrhundert

Aus einer Geburtstagstradition der „Getreuen“ wurde damit, viele Jahre später, ein Stück Jever-Reklamegeschichte. Der Kiebitzpokal wurde noch über Jahrzehnte als charakteristisches Motiv der Jever-Werbung verwendet.

Bereits 1923 ist er auf einem Werbemittel nachweisbar. Auch auf späteren Jever-Etiketten taucht der Kiebitzpokal noch auf. Erst ab etwa 1975 rückte das Schloss Jever als neues Markenzeichen in den Mittelpunkt.

Ein Ei, „von einem Berliner Kiebitz gelegt“

Auf dem Glasschild aus den 1950er Jahren, das Willi Wiegel aus Neustadt am Rübenberge, in der ZDF-Sendung „Bares für Rares“ zum Verkauf anbot, sieht man als Motiv den besagten Pokal mitsamt des Begleitbriefes des Reichskanzlers.


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Hier der Text im originalen Wortlaut:

„Den ‚Getreuen in Jever‘ danke ich herzlichst für die Kiebitzeier und die guten Wünsche, mit denen Sie mich auch in diesem Jahre zu meinem Geburtstage erfreut haben.

Gestatten Sie mir, meinem Danke wenigstens durch ein Ei Ausdruck zu geben, von einem Berliner Kiebitz gelegt. Ich bitte Sie, dasselbe als Andenken zur Benutzung bei gelegentlichem Umtrunk der ‚Getreuen‘ freundlichst entgegenzunehmen, und würde mich freuen, wenn ich einem Mitgliede Ihres liebenswürdigen Kreises für das Wohlwollen, welches Sie mir zehn Jahre hindurch bewiesen haben, meinen Dank bei gelegentlicher Anwesenheit in Berlin auch mündlich aussprechen könnte.

v. Bismarck“

Doch zurück zum imposanten Reklameschild, das der einstige Bundeswehrsoldat, der seit 23 Jahren seinen Ruhestand genießt, mit zum ZDF gebracht hatte.

„Bares für Rares“: 450€ für die gläserne Rarität

Auch wenn Horst Lichter es auf den ersten Blick wohl für ein Emailschild hielt, handelte es sich dabei um ein Glasplakat, wie Experte Detlev Kümmel gleich vorausschickte. Dabei wurde das Motiv rückseitig auf die Glasfläche aufgebracht und war dadurch auf der Vorderseite vor Witterungseinflüssen geschützt.

Meist sind solche Schilder – vor allem in dieser Größe – in einem Metallrahmen, doch bei diesem Exemplar war der Rahmen auch nur aufgedruckt. Dies erklärt die vier Löcher mitten durch das Glas, die zur Aufhängung des Plakats dienten.

Willi Wiegel erzählte, dass er das Schild in den 1980er Jahren von einem inzwischen verstorbenen Freund bekommen hatte und es gut dreieinhalb Jahrzehnte bei ihm an der Wand hing. Er wünschte sich 200€ dafür.

Auch BfR-Händler Friedrich Häusser zeigte Interesse an dem schönen Werbeschild. Das Rennen machte aber Leo Leo, der es für 450€ erwarb.
Auch BfR-Händler Friedrich Häusser aus Quedlinburg zeigte Interesse an dem schönen Werbeschild. Das Rennen machte aber Leo Leo, der es für 450€ erwarb.

Diesen Wunsch sah Experte Kümmel als zu niedrig an. Aufgrund des sehr guten Zustandes und der Seltenheit des Werbeträgers, das keinen Herstellerhinweis trug, schätzte dieser den Wert auf 500 bis 600€.

Im Händlerraum hielt sich die Begeisterung für das Jever-Reklameschild in Grenzen. Schlussendlich war bei 450€ das Ende der Fahnenstange erreicht. Zu diesem Preis sicherte sich Leo Leo den fragilen Werbeträger mit Geschichte.

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