Es gibt Plakatkünstler, die Produkte anpreisen. Und es gibt Künstler wie Jupp Wiertz, die ganze Lebensgefühle verkaufen. Bei ihm duftete Reklame nach Luxus, Nachtleben und einem Hauch französischer Eleganz.
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Geboren 1888 in Aachen als Joseph Lambert Wiertz, zog es ihn früh nach Berlin, ins vibrierende Zentrum der modernen Reklamekunst. Dort lernte er an der Kunstgewerbeschule und absolvierte eine lithografische Ausbildung in Leipzig.
Schon mit Mitte zwanzig leitete er eigene Ateliers für Reklamegestaltung – ein erstaunlicher Karrierestart in einer Zeit, in der Werbung gerade erst begann, sich als eigenständige Kunstform zu etablieren.
Wie Standbilder aus einem glamourösen Film
Während viele Plakatgestalter der 1910er-Jahre noch plakativ mit fetten Schriften und nüchternen Produktdarstellungen arbeiteten, brachte Wiertz etwas Neues hinein: Atmosphäre. Seine Arbeiten wirkten wie Standbilder aus einem glamourösen Film.

(Bild: Blechsachen)
Er liebte starke Hell-Dunkel-Kontraste, weich verlaufende Farben und elegante Figuren, die oft leicht entrückt wirkten. Besonders seine Frauenporträts machten ihn berühmt – mondän, geheimnisvoll, unerreichbar.
Berühmt wurde er unter anderem mit Reklame für Odol, Lux, Kaloderma, Vogue-Parfüm oder die Zigarettenmarken Manoli und Regatta. Doch anders als viele Kollegen zeigte Wiertz selten einfach nur das Produkt. Stattdessen inszenierte er einen Traum rund um das Produkt.
Besonderes Gespür für die Psychologie der Werbung
Seine Anzeigen für Parfüm oder Kosmetik versprachen nicht bloß Schönheit sondern suggerierten gesellschaftlichen Aufstieg, kosmopolitischen Stil und das Versprechen der großen Welt.
Besonders faszinierend ist heute sein Gespür für die Psychologie der Werbung. Wiertz verstand früh, dass Menschen keine Seife kaufen, sondern Eleganz. Kein Reiseziel, sondern Sehnsucht. Kein Parfüm, sondern Identität.

Und genau deshalb wurden seine Reiseplakate legendär. Für die Reichsbahn, Fremdenverkehrsämter und touristische Institutionen entwarf er in den 1920er- und 1930er-Jahren Werbegrafiken, die Deutschland wie ein einziges stilisiertes Traumland erscheinen ließen.
Heidelberg, Oberammergau, Aachen oder die Ostseebäder: Alles wirkte bei Wiertz ein wenig schöner, mondäner und sonniger als die Wirklichkeit.
Zwischen Art déco, Filmästhetik und klassischer Illustrationskunst
Dabei bewegte er sich stilistisch zwischen Art déco, Filmästhetik und klassischer Illustrationskunst. Seine Arbeiten hatten oft eine beinahe cineastische Qualität. Das war kein Zufall, denn auch für Filmproduktionen gestaltete er Plakate und Werbekarten.

In der Fachwelt galt Wiertz früh als Star. Bereits 1920 widmete ihm die renommierte Zeitschrift Das Plakat eine ausführliche Werkschau. Er war Mitgründer des „Bundes Deutscher Gebrauchsgraphiker“, des späteren Berufsverbands der Kommunikationsdesigner. Seine Arbeiten wurden international ausgezeichnet und millionenfach verbreitet.
Doch sein Leben endete tragisch früh. Jupp Wiertz arbeitete viel mit weichen Farbverläufen und atmosphärischen Effekten, die damals oft durch das sogenannte „Spritzverfahren“ entstanden.
Bei dieser Arbeit soll er sich 1938 eine Blutvergiftung (Sepsis) zugezogen haben, dies vermutlich durch den Umgang mit Farben oder Lösungsmitteln in Verbindung mit einer Infektion. Er starb im Folgejahr mit nur 50 Jahren.
Fenster in eine andere Epoche
Heute wirken viele seiner Plakate wie Fenster in eine andere Epoche. Sie entführen den Betrachter in jene schillernde Zwischenwelt der Weimarer Moderne, in der Werbung plötzlich Stil, Glamour und kulturelles Statement zugleich wurde.

