Jean d’Ylen und der tanzende Harlekin von Kréma

Der tanzende Harlekin auf einer seltenen Kréma-Dose ist mehr als nur Reklame. Er führt in die Geschichte einer Bonbonmarke, die Frankreich über Generationen hinweg versüßte.

Ein kunstvoller Verkaufsbehälter in fein lithographiertem und geprägten Blech aus der Zeit um 1925 steht am Ausgangspunkt dieser Beitrags. (Bilder: Sammler.Net-Fundus)

Anders als viele bekannte französische Reklamemarken der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hinterließ Kréma keine emaillierte Außenwerbung. Während Sammler von Banania, Poulain, Kub oder Byrrh aus einem reichen Fundus an Emailschildern schöpfen können, sind solche von Kréma nicht bekannt.

Allerdings findet man dennoch interessante Reklameobjekte der Bonbonmarke. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist diese lithographierte Verkaufsdose aus den 1920er Jahren. Mit ihren kräftigen Farben, den Art-Déco-Elementen und der markanten Figur auf schwarzem Hintergrund wirkt sie auch heute noch erstaunlich modern.

Ein tanzender Harlekin von Jean d’Ylen

Im Mittelpunkt steht ein tanzender Harlekin, der zwischen zwei Bonbons zu schweben scheint. Die Figur stammt aus der Feder von Jean d’Ylen (1886–1938), einem der bedeutendsten französischen Plakat- und Werbekünstler seiner Zeit.

D’Ylen schuf in den 1920er und 1930er Jahren zahlreiche Werbemotive, die heute als Ikonen gelten. Seine Arbeiten zeichnen sich durch kräftige Farben, starke Kontraste und eine oft leicht surreale Bildsprache aus. Die Kréma-Dose ist ein hervorragendes Beispiel dafür.

Auf den Seiten findet sich der Slogan „La folie des gourmets“. Wörtlich übersetzt bedeutet dies zwar „Der Wahnsinn der Feinschmecker“, gemeint ist jedoch eher „Die große Leidenschaft der Feinschmecker“ oder „Die Versuchung für Feinschmecker“, ganz im Stil der selbstbewussten Werbesprache der Zwischenkriegszeit.

Ebenso selbstbewusst lautet die zweite Botschaft: „Le meilleur bonbon au beurre“, womit sinngemäß das feinste Butterkaramell seiner Zeit gedacht ist.

Die Anfänge von Kréma

Die Geschichte von Kréma beginnt nicht in einer großen Fabrik, sondern in einer kleinen Confiserie im Pariser Vorort Vincennes. Dort stellte der Konditor Mollié bereits vor dem Ersten Weltkrieg Toffees und Bonbons her, die auf internationalen Ausstellungen ausgezeichnet wurden.

Aus diesem Handwerksbetrieb entwickelte sich später die Marke Kréma, die ab 1923 in Montreuil bei Paris industriell produziert wurde.

Die Fabrik entwickelte sich rasch zu einem wichtigen Arbeitgeber der Region. Zeitzeugen berichten, dass ganze Straßenzüge von den süßen Düften nach Erdbeere, Minze und Karamell erfüllt wurden. In den 1930er-Jahren produzierte das Werk bereits rund 20 Tonnen Süßwaren täglich.

Die frühen Werbekampagnen sollten die Marke als hochwertiges Genussprodukt positionieren. Dafür engagierte man keinen Geringeren als Jean d’Ylen. Die hier gezeigte Dose ist somit nicht nur ein Verkaufsbehälter, sondern ein frühes Zeugnis des Markenaufbaus von Kréma.

Krema Bonbons Jean d'Ylen Harlekin 1925

Anders als viele andere französische Lebensmittelmarken setzte Kréma offenbar nur in begrenztem Umfang auf Außenwerbung. Originale Emailschilder sind heute nicht bekannt. Dafür finden sich solche aufwendig gestaltete Verkaufsdosen aber auch Werbekarten und Schaufensterdekorationen.

Die Werbung sollte direkt dort wirken, wo die Kaufentscheidung fiel: im Laden. Genau dafür wurde dieser Verkaufsbehälter geschaffen: Der Deckel ließ sich aufklappen, die Bonbons konnten direkt entnommen werden, und gleichzeitig zog die auffällige Gestaltung die Blicke der Kunden auf sich.

Vom Butterbonbon zur Kultmarke

In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich Kréma zu einer der bekanntesten Süßwarenmarken Frankreichs. Besonders erfolgreich waren die weichen Karamellbonbons Mint’Ho, die fruchtigen Régal’ad und später Batna.


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1955 fusionierte Kréma mit Hollywood Chewing Gum. Aus diesem Unternehmen ging wenig später auch die legendäre Kaugummimarke Malabar hervor, die Generationen französischer Kinder begeisterte. Die Marke überlebte zahlreiche Eigentümerwechsel und existiert bis heute.

Für Sammler ist diese Kréma-Dose weit mehr als ein Behälter für Süßwaren. Sie verbindet die Geschichte einer traditionsreichen französischen Marke mit der Handschrift eines der großen Art-Déco-Künstler des 20. Jahrhunderts. Gleichzeitig erinnert sie an eine Zeit, in der Verkaufsverpackungen nicht nur funktional sein sollten, sondern Aufmerksamkeit erregen, Geschichten erzählen und Kunden verführen mussten.

Das Motiv des Blechcontainers findet sich auch auf Postkarten aus der Zeit (Bild: Musée de l’histoire vivante, Montreuil. 7 F 81)

Zu Jean d’Ylen empfiehlt Sammler.Net auch diesen Beitrag: Legenden der Reklame (3): Jean d’Ylen – Alte Reklame, Design & Kunst – Sammler.Net



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