Zur Funkstunde: Sarotti-Pralinen im Zeichen des „neuen“ Rundfunks

Ein Sammler historischer Reklameobjekte rund um Sarotti, Thomas von Grünhagen, teilte unlängst das Bild einer interessanten Pralinenschachtel der Marke in der von Sammler.Net betreuten FB-Gruppe Reklamebox. Der Entwurf zu dieser Schachtel tauchte vor 100 Jahren erstmals auf. Eine Spurensuche.

In den 1920er-Jahren hielt eine technische Neuerung Einzug in die Wohnzimmer: das Radio. Musik, Nachrichten und Unterhaltung kamen plötzlich drahtlos ins Haus. Sarotti griff die Begeisterung für das neue Medium auf, mit einer außergewöhnlichen Pralinenschachtel, die den Titel „Zur Funkstunde“ trägt. Ihre Gestaltung ist ein bemerkenswertes Beispiel für die moderne Werbegrafik der damaligen Zeit.

Schwarzer Hintergrund, leuchtend blaue Bahnen, gelbe Blitze und fantasievolle Flugfiguren: Die Gestaltung dieser Sarotti-Schachtel wirkt ausgesprochen dynamisch. Drei kleine, bunt gestaltete Figuren, die bekannten Sarotti-Mohren, gleiten auf geflügelten, blitzartigen Flugobjekten durch den Raum. Dazwischen steht in goldener Schrift der bekannte Markenname, darunter in auffälligem Rot die Worte „Zur Funkstunde“.

AUS DEM FUNDUS
Omo, Flytox, Royco, Kronenbourg, Skip, Girafe, Vim ... - 12 Kleine Glas-Schalen - 1950er/60er

Omo, Flytox, Royco, Kronenbourg, Skip, Girafe, Vim ... - 12 Kleine Glas-Schalen - 1950er/60er

Konvolut aus 12 kleinen Schälchen (Seifenschalen?) aus Opalglas, jeweils mit Reklame für verschiedene Produkte wie Flytox,
Preis: 85,00€

Die Komposition vermittelt Bewegung, Geschwindigkeit und technische Modernität. Sie unterscheidet sich deutlich von den eher ornamentalen, früheren Verpackungsentwürfen. Die kräftigen Kontraste und die schräg verlaufenden Linien erinnern an die visuelle Sprache der 1920er-Jahre, in denen Technik, Verkehr und neue Kommunikationsmittel zunehmend Eingang in die Werbung fanden.

Besonders reizvoll ist der Vergleich zwischen der fertigen Schachtel und der historischen Abbildung des ungefalteten Verpackungsbogens (siehe weiter unten).

Im flachen Druckbogen wird sichtbar, wie die Gestaltung über die einzelnen Flächen verteilt war. Erst durch das Falten und Zusammenfügen entstand daraus die fertige Pralinenschachtel. Die Sarotti-Schriftzüge und die Bildmotive waren dabei so angeordnet, dass sie auf der zusammengesetzten Verpackung ihre Wirkung entfalten konnten.

Was verbirgt sich hinter dem Namen „Funkstunde“?

Rundfunkmikrofon der Funk-Stunde Berlin
(Bild: museumsstiftung.de)

Der Name ist eng mit einem der wichtigsten Kapitel der deutschen Rundfunkgeschichte verbunden. Am 29. Oktober 1923 begann im Berliner Vox-Haus der regelmäßige Rundfunkbetrieb.

Mit der Ansage „Achtung, Achtung! Hier ist die Sendestelle Berlin im Vox-Haus auf Welle 400 Meter“ eröffnete Friedrich Georg Knöpfke das erste offizielle Rundfunkprogramm Deutschlands. Zum Auftakt gab es Musik, darunter ein Cellosolo mit Klavierbegleitung. Was heute selbstverständlich erscheint, war damals eine technische Sensation.

Radioempfänger waren zunächst teuer, und der Rundfunkempfang unterlag behördlichen Genehmigungsregeln. Dennoch entwickelte sich das neue Medium in kurzer Zeit zu einer bedeutenden Form der Unterhaltung und Information.

Die Menschen konnten Musik und Stimmen aus einem Studio hören, ohne selbst vor Ort zu sein.

Die Berliner Rundfunkgesellschaft trug zunächst den Namen Radio-Stunde AG. Im März 1924 wurde sie in Funk-Stunde AG Berlin umbenannt. Damit war „Funkstunde“ nicht nur ein Begriff für eine Sendung, sondern auch der Name des Berliner Rundfunkunternehmens.

Ob die Sarotti-Verpackung in direkter Zusammenarbeit mit der Funk-Stunde entstand oder lediglich den Zeitgeist des neuen Mediums aufgriff, ist bislang nicht belegt. Die Verbindung zwischen dem Namen der Pralinen, der ohne Bindestrich auskommt, und Funkstunde aneinander schreibt, und der damaligen Rundfunkbegeisterung liegt allerdings sehr nahe.

Ein historischer Beleg aus dem Jahr 1926

Ein besonders interessanter Nachweis findet sich in der Fachzeitschrift Gebrauchsgraphik. In der Ausgabe 3/1926, dem sogenannten Berliner Heft, ist ein Beitrag beziehungsweise eine Werbeanzeige mit dem Titel „Sarotti zur Funkstunde“ aufgeführt.

Damit ist dokumentiert, dass das Motiv spätestens vor genau 100 Jahren, 1926 in der zeitgenössischen Fachpublikation für Gebrauchsgrafik erschien. Die Abbildung zeigt den ungefalteten Verpackungsbogen und erlaubt den Vergleich mit der fertig zusammengesetzten Schachtel.

Der Nachweis ist auch deshalb bemerkenswert, weil er die Verpackung aus dem Bereich der bloßen Süßwarenverpackungen heraushebt: Sie wurde in einer Fachzeitschrift präsentiert, die sich mit Gestaltung und angewandter Grafik beschäftigte.

Das Nachlassverzeichnis des Gebrauchsgrafikers Wilhelm Hermann Lange nennt konkrete Angaben zu dem Objekt: Der Entwurf stammte von Safis, Berlin, ausgeführt wurde er von Selmar Bayer, Berlin.

Verpackungsbogen der Sarotti-Pralinenschachtel „Zur Funkstunde“, Entwurf von Safis, Berlin, Ausführung durch Selmar Bayer, Berlin. Abbildung des ungefalteten Verpackungsbogens in der Zeitschrift Gebrauchsgraphik 3/1926 – Berliner Heft, von 1926.

Wer sich hinter dem Namen Safis verbirgt, lässt sich anhand der bislang vorliegenden Angaben nicht zweifelsfrei feststellen. Unter diesem Namen sind auch weitere Werbeplakate aus den Jahren um 1919 bis 1923 dokumentiert. Ein Pressebericht bringt den Künstlernamen mit einem Grafiker namens Sauer in Verbindung.

Auch Selmar Bayer ist im Zusammenhang mit der Berliner Werbegrafik jener Zeit von Interesse. Der Betrieb war im Bereich der Drucksachen und Werbemittel tätig. Die Angabe „ausgeführt von Selmar Bayer“ belegt die Beteiligung des Unternehmens an der Herstellung des Entwurfs.

Bewegung, Technik und Zukunftsoptimismus

Die Schachtel „Zur Funkstunde“ passt in eine Epoche, in der Werbung zunehmend mit Bewegung, Technik und Zukunftsoptimismus spielte. Die blitzartigen Flugfiguren lassen an Geschwindigkeit und drahtlose Übertragung denken, eine visuelle Assoziation, die gut zur neuen Welt des Rundfunks passt.


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Gerade solche Verpackungen sind heute für Sammler historischer Reklame interessant. Sie verbinden Marken- und Produktgeschichte mit der Entwicklung der Gebrauchsgrafik und geben Einblick in die Alltagskultur der Zwischenkriegszeit.

Dank des Nachweises in der Gebrauchsgraphik von 1926 lassen sich das Motiv sowie die Namen des Entwerfers und des ausführenden Betriebs historisch einordnen. Das genaue Herstellungsjahr der konkreten Verpackung ist damit zwar nicht bewiesen, doch die Veröffentlichung des Entwurfs in dieser Zeit ist dokumentiert.


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