Sarotti: Von Reklame-Kult und gesellschaftlichem Wandel

Die Berliner Mohrenstraße gibt es nun nicht mehr. Sie war eng verbunden mit einer der bekanntesten deutschen Reklamefiguren. Die Geschichte von Sarotti hängt untrennbar mit industrieller Innovation zusammen, aber vor allem auch mit Werbekultur und der Auseinandersetzung mit kolonial geprägten Symbolen.

Aus den 1950er Jahren: 28 cm hohe Porzellanfigur, im Boden gemarkt: KPM. Der laut Auktionator Micky Waue seltenste Sarotti-Mohr aus Porzellan. Er soll nur an wenige Geschäfte mit hohen Umsätzen und an hochrangige Mitarbeiter vergeben worden sein.
(Bild: Micky Waue Auktionen)

Seit der Gründung im Jahr 1852 durch Heinrich Ludwig Neumann und seinen Sohn Louis an der Berliner Friedrichstraße, verfolgte die Marke das Ideal luxuriöser, orientalisch inspirierter Süßwaren – geprägt durch opulente Dekoration und erste Manufakturproduktion.

Unter Hugo Hoffmann begann ab 1872 die industrielle Ära: Sarotti wurde zur Marke, verlagerte Produktion und Handel in die Mohrenstraße – ein Name, der noch aus der Kolonialzeit stammte und der -aus aktuellem Anlass, siehe weiter unten – den Anstoß zu diesem Beitrag lieferte.

Mohrenfigur: Exotisches Maskottchen mit Schattenseiten

1918, zum 50-jährigen Firmenjubiläum, entwickelte der Grafiker Julius Gipkens, wohl inspiriert durch die Adresse des Unternehmens, das bis heute bekannteste Firmenzeichen: drei afrikanisch dargestellte Figuren, Mohren, die ein Tablett tragen.

1918 tauchte die Darstellung erstmals auf: Hier auf einem plakativen Emailschild. (Bild: Sammler.Net)

Diese Bildwelt zitiert nostalgisch koloniale Rollenbilder: „Mohren“ als dienende, exotische Figuren. 1922 wurde der Sarotti-Mohr ins Markenregister eingetragen. Er tauchte auf Packungen, Plakaten, Blech- und Emailschildern sowie weiteren Werbeträgern auf.

Es gab ihn auch als Figur in verschiedenen Ausführungen, etwa aus polychrom bemaltem Gips aus den Ateliers von Prof. Lauermann oder aus Porzellan. Die Manufakturen KPM und Rosenthal produzierten die Porzellan-Mohren in diversen Größen.

Im Kino und später auch im Fernsehen tauchte die Figur in Werbespots auf und in vergoldeter Bronze schaffte es der Sarotti-Mohr sogar ins Deutsche Historische Museum.

Der Werbeerfolg lag weniger im Narrativ als in stark codierten visuellen Stereotypen – und eben darin liegt die Brisanz: Die Stimmen gegen die von einem Teil der Gesellschaft als rassistisch angesehenen Werbefigur wurden im Laufe der letzten Jahrzehnte immer lauter.


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2004 reagierte der Hersteller Stollwerck: Der „Sarotti-Mohr“ wurde zum „Sarotti-Magier der Sinne“. Die Figur erhielt hellgoldene Haut und jonglierte nun mit Sternen statt Tablett.

Mohrenstraße: Zwischen Erinnerungskultur und Umbenennung

Die Mohrenstraße in Berlin-Mitte war jahrhundertelang politisch unproblematisch, bis sie in den Fokus postkolonialer Sprachkritik geriet.

Der Name geht auf das 18. Jahrhundert zurück; mögliche Herkunftsdeutungen verweisen auf afrikanische Dienende am Hof Friedrichs I. oder eine afrikanische Delegation, die damals in Berlin weilte.

Bereits seit den 1990er Jahren wurden rassistische Untertöne kritisiert – etwa durch den Afrika-Rat Berlin-Brandenburg und das Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität, das den Begriff „Mohr“ auch sprachlich als geschichtsbelastet klassifizierte.

Original Anzeigen-Entwurf (Detail) des Sarotti-Mohren der späteren 1950er Jahre durch Helga Tiemann.
(Bild: Sammler.Net)

Politisch nahm die Debatte Fahrt auf: Im August 2020 beschloss die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Mitte die Umbenennung in Anton-Wilhelm-Amo-Straße, nach dem ersten schwarzen Philosophen und Juristen, der an deutschen Universitäten lehrte.

Der Weg zur Umbenennung war juristisch umstritten. Letztlich bestätigte das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg die Rechtmäßigkeit der Umbenennung.

Die Einweihung mit einem Straßenfest fand am Samstag satt. Der 23. August 2025 wurde 1998 von der UNESCO zum “Internationalen Tag der Erinnerung an den Sklavenhandel” ausgerufen.


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Einzigartige Materialität: Sammeln in Kontexten des Wandels

Für Sammler historischer Reklame und Freunde der Industrie- und Markengeschichte birgt Sarotti eine einzigartige Materialität: Verpackungen, Werbeplakate, seltene Bronze-Plastiken oder Porzellanfiguren, Emailschilder und solche aus bedrucktem Blech … Die Liste ließe sich noch weiter fortsetzen.

All diese Medien erzählen heute auch vom Wandel visueller Codes und gesellschaftlicher Normen. Der bewusste Wechsel des Markenzeichens von einem kolonial-romantisierten Figurenbild zum „Magier“ spiegelt ebenso Strategien des Rebrandings wie Zäsuren öffentlichen Denkens wider.

Gleichzeitig symbolisiert die Umbenennung der Mohrenstraße einen gesellschaftlichen Shift: Straßennamen, lange inert wahrgenommen, erwachen durch öffentliche Auseinandersetzung zum Ambivalenten.

Kleine “moderne” Sarotti-Mohr-Porzellanfigur aus den späten 1990er Jahren. (Bild: Sammler.Net)

Dies ist ein direktes Zeichen, wie Erinnerungskultur, Werbung und Stadtsicht sich gegenseitig befeuern. Für Sammler bietet sich hier ein erweitertes Sammelgebiet: Neben physischen Werbemitteln entsteht ein Narrativfeld. Es umfasst Brands, Werbeästhetik und städtische Erinnerungspolitik.

Geschichte ist nicht stumm: sie spricht durch Objekte, Bilder, Namen und Umdeutungen. Dein Blick darauf verbindet Ästhetik, Historie und kritische Auseinandersetzung und bringt so historische Reklame und Erinnerungskultur in spannenden Dialog.

“Und es singt der Kinderchor: Sei gegrüßt Sarotti-Mohr!” Spot aus dem Jahr 1954
(Quelle: Youtube.com)

Historische Meilensteine: Wissenswertes in Kürze

Jahr / ZeitraumEreignis
1852Gründung: Am 16. September eröffnen Heinrich Ludwig Neumann und sein Sohn Louis die „Confiseur-Waren-Handlung Felix & Sarotti“ in der Berliner Friedrichstraße.
1872Übernahme & Umzug: Der Konditor Hugo Hoffmann übernimmt die Firma. Der Name „Sarotti“ wird künftig genutzt. Der Laden zieht in die Mohrenstraße.
1918–1922Markenlogo: 1918 wird das Markenzeichen mit drei Mohren eingeführt; 1922 erfolgt die Eintragung ins Markenregister. Da befinden sich die Produktionsanlagen bereits in Tempelhof.
1922–1923Brand & Wiederaufbau: Ein Großbrand im Tempelhofer Werk legt im Januar fast alles lahm; der Produktionsbetrieb läuft erst ab Dezember 1923 wieder.
1929Nestlé-Mehrheitsbeteiligung: Die Schweizer AG für Nestlé-Produkte übernimmt die Aktienmehrheit. Gleichzeitig wird die Sarotti-Fabrik in Hattersheim übernommen.
1950–1969Wiederaufbau & Aufschwung: Nach Kriegsende startet die Schokoladenproduktion neu. Die 1960er bringen Produktexpansion.
1980–1989Retro-Look: Die „Feinste Pralinés“-Edition im Retro-Stil hebt die Nostalgie hervor und rückt den Mohr wieder stärker ins visuelle Zentrum.
1998Stollwerck-Übernahme & Nostalgie: Sarotti wird an Stollwerck verkauft. Nostalgie-Verpackungen mit dem Mohr wecken Erinnerungen und stärken seine Popularität erneut.
2004Designwandel: Der Mohr wird offiziell zum „Sarotti Magier der Sinne“ – entpersonifiziert, mit goldener Haut und Sternen statt Tablett.

Zeigt uns eure Figuren und andere Sarotti-Sammelobjekte!

Du hast selbst tolle Schilder, Sammelalben oder andere Objekte mit Werbung für Sarotti in deiner Sammlung? Dann hinterlasse doch für alle Interessierten Fotos davon in unserer Plauderecke! Noch kein Mitglied der Sammler.Net-Community? Gleich kostenlos hier registrieren!


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